02. Juni

Ich muss in die Stadt, ein paar Kleinigkeiten erledigen. Wir (Ali, seine Frau Eva sowie Sohn Bawak und ich) nutzen den Bus. Hier erlebe ich zum ersten Mal in Realität die Geschlechtertrennung. Die vorderen zwei Drittel sind für Männer reserviert, davon mit einer Eisenstange bzw. sogar mit einem Gitter abgetrennt ist das hintere Drittel für Frauen. Alle Frauen total in Schwarz, nur die Gesichter und manchmal die Hände schauen aus dem schwarzen Gewand raus. »Hinten« bei den Frauen ist noch Platz, bei den Männern stehen alle dicht gedrängt. Aber für niemanden scheint dies ein besonderer Zustand zu sein. Ich erhalte an der deutschen Botschaft Post in meinem Auftrag als Botschafter für die im August startende und von der UNESCO unterstützte Friedensweltumradelung. Vor der deutschen Botschaft steht eine lange Schlange. Ich erfahre, dass es für die Iraner genauso schwer ist, ein deutsches Visum zu erhalten wie umgekehrt. Danach gehe ich mit Ali auf dem Schwarzmarkt Dollar tauschen. Wir »besuchen« eine für solche Geschäfte stadtweit bekannte Stelle. Ali plaudert leise mit einem Mann und schon hat er die gewünschte Währung erhalten. Nun will ich zur Uni, endlich mal wieder die Post aus der Heimat lesen. Dank den Dolmetscherdiensten Alis und meinen vielen offiziellen Papieren darf ich recht flott an einen PC mit Internet-Account. Neben vielen lieben Mails habe ich auch ein paar informative erhalten. über Pakistan ist nun also seit vier Tagen der Ausnahmezustand verhängt. Nein, das muss ich mir nicht antun. Immer wieder ergattere ich Informationen zu dieser politischen Krise. Manche meinen, dass es völlig harmlos sei, andere wieder glauben, dass es unter Umständen gefährlich werden könnte. Und zudem ist es sehr unsicher, ob die pakistanisch-indische Grenze offen ist. Ich entscheide mich definitiv für den sicheren Weg und buche für übermorgen einen Flug von Tehran (einziger internationaler Flughafen des Iran) nach Dehli (die am westlichsten gelegene, anfliegbare Stadt Indiens). Am Abend fahre ich mit einem Taxi zurück zu Ali. Zwischendrin muss ich umsteigen. Der erste Taxifahrer nimmt mich total aus, der zweite fährt mich für einen Spottpreis bis vor die Haustür. Ali will noch ein bisschen spazieren gehen. Zufällig treffen wir dabei seinen besten Kumpel, Mahmut. Er ist gerade mit seinem riesigen amerikanischen Landrover an uns vorbeigefahren. Mahmut ist fein gekleidet, mit Lackschuhen und Seidenhemd. Welch ein Kontrast zur »normalen« iranischen Landbevölkerung! Er hat lange in Europa und Amerika gearbeitet, was stark auf ihn abgefärbt zu haben scheint. Obwohl er bereits sechzig Jahre alt ist, rauscht er mit uns durch die Straßenschluchten Tehrans. Dies alles bei lauter »Billig-Techno«-Untermalung. Hier der ruhige, philosophische, hagere und kleine Ali und da der auf jugendlich getrimmte, oberflächlich wirkende und kräftige Mann von Welt, Mahmut. Die beiden als unzertrennliche Freunde?? Wir gehen zu Mahmut nach Hause. Hier lebt auch noch seine tiefreligiöse Mutter. Sie ist selbst zu Hause noch stark verschleiert. Aus Gewohnheit will ich ihr die Hand geben, aber Ali weißt mich noch dezent daraufhin, dass tief (islamisch-)religiöse Frauen den Männern nicht die Hand reichen. Dennoch: Diese über 80jährige Frau wirkt alles andere als verknöchert. Sie unterhält sich äußerst gestenreich mit uns und tischt uns auch gleich noch ihr schmackhaftes Essen auf. Wir fahren noch mal zu dritt in die Stadt, trinken ein paar (alkoholfreie) Biere und sehen enttäuscht, dass zwischen 23 und 24 Uhr wirklich alles schließt. Selbst in dieser Metropole gibt es nicht einmal die Ansätze unserer üblichen »westlichen Vergnügungen«. In den Spätnachrichten erfahren wir noch, dass es mal wieder ein Bombenattentat im Zentrum Tehrans gegeben hat, bei dem zwei Menschen ums Leben gekommen sind. Zur Tatzeit waren wir nicht weit vom Tatort entfernt.