03. August

Jaja, Nomaden haben nichts zu tun. Von wegen! Obwohl sie erst nach Mitternacht sich in ihrem Lager zum Schlafen niedergelegt haben, sind sie schon kurz nach Sonnenaufgang wieder munter. Ein richtiges Gewusel herrscht! Jeder hat seine Aufgabe, z. B. sich um die vielen Tiere kümmern bzw. das Frühstück vorzubereiten. Natürlich ist jeder von ihnen nun auch gespannt, was wir jetzt tun werden. Leider hat sich die Atmosphäre aber etwas gewandelt: Sie sehen, dass wir bald wieder aufbrechen und wollen die verbleibende Zeit noch nutzen, um alles Mögliche von uns mit ihrem schönen typisch tibetischen Schmuck, den sie schon seit Jahren am Körper tragen (ist das nicht auch Ausverkauf ihrer Kultur?) zu tauschen. Das nimmt doch einiges von der zuvor herrschenden Unbefangenheit. Schade. Tauschen tun wir nichts, aber ich schenke dem »Lagerchef« eine meiner in der Türkei billig erstandenen Sporthosen, für die er besonders viel geboten hatte. Er freut sich wie ein kleines Kind und zeigt die Hose gleich allen anderen Leuten im Lager. Dann geht es für Fernando und mich los, gleich über den Lalung La, einen Doppelpass. Er soll uns von nun ca. 4500 m durch eine knapp 11 km lange Steigung auf zunächst 5124 m führen, bevor eine 6 km lange Abfahrt folgt. Daraufhin geht es noch mal gut 7 km hoch, auf 5200 m. Da wir nichts »Richtiges« gefrühstückt haben, gehen wir diesen Pass bereits hungrig an. Für den ersten Passhöcker ist das noch gut, wir erklimmen ihn in nur eineinviertel Stunden. Auf der Abfahrt fährt Fernando voraus, da ich halt wieder so schonend als möglich fahren will. Unten im Tal ist ein Truck- Hotel, erschreckt stelle ich – noch mitten in den Serpentinen – fest, dass Fernando an eben diesem vorbeifährt. Nein, das mache ich nicht! Ich halte an und esse wenigstens eine Kleinigkeit (Instant-Nudeln, was sonst?). Aber anschließend fällt mir das Radeln noch schwerer und der Hunger ist bei weitem nicht weg. Und der Wind (besser Sturm) pfeift mir so stark von vorne ins Gesicht, dass ich schon im Flachen kaum vorwärts käme. Aber hier in der Steigung scheint es mir fast aussichtslos. Fernando ist nur ab und zu als kleiner Punkt am Horizont zu erkennen. Ich quäle mich – in Tibet für mich ja fast normal. Hunger, Durst, Sturm, kaputtes Rad; Tibet mit dem Rad – für mich Qual, Qual und noch mal Qual, die einfach kein Ende nehmen will. Doch da, fünf Landcruiser direkt hintereinander! Die haben bestimmt genug zu essen und zu trinken! Die ersten vier rauschen vorbei, ich wage nicht, sie zu stoppen: Doch der fünfte hält gerade, nur einige hundert m von hier, an. Bald darauf fährt er zwar auch wieder los, aber ich halte ihn an. Vorsichtig frage ich nach Essbarem. Die Leute sind sehr freundlich und hilfsbereit; sehr bald stellt sich heraus, dass sie aus Köln sind! Sie geben mir Energieriegel, Brot und Schokolade. Für mich nach fünf Wochen in Tibet unglaubliche Köstlichkeiten!!! KöLLE ALAAF! Ich esse und esse. Bald darauf rollt es wieder einigermaßen und ich kann den Pass erreichen. Fernando hat hier gewartet, ihn plagt nun auch ein fürchterlicher Hunger. Wir begeben uns auf die »längste Abfahrt der Welt«. Auf den nächsten 150 km werden wir von 5200 4600 m »verlieren« und vom oft kühlen Tibet ins subtropische Nepal gelangen. Auf guten Straßen wäre das vielleicht eine Angelegenheit von vier, fünf Stunden. Auf den ersten 15 km ist der »Highway« tatsächlich recht gut, häufiger können wir es sogar »rollen lassen«. Ein tolles Gefühl! Dann aber wird es deutlich flacher, die Straße schlechter, der Wind wieder stärker und wir müssen wieder kräftig in die Pedale treten. Fernandos Hunger wird immer extremer und so sind wir froh, als wir endlich ein Dorf erreichen. Wir haben Glück und finden jemand, der uns ein bisschen Brot verkauft. Dann geht es mit müden Knochen weiter, nun Auf und Ab, ca. im Rhythmus von 2 km Abfahrt und 1 km Anstieg. Die Straßenverhältnisse lassen aber einfach kein hohes Tempo zu, wir müssen bremsen und bremsen. Bald wird es dunkel, wir erreichen das Milerepa-Kloster. Eigentlich wollten wir diesen Ort besuchen, aber es wird dafür wohl schon viel zu spät sein. Aber Fernando will alles versuchen und mit ein paar Mönchen reden, ob da nicht doch noch etwas zu machen ist. Und tatsächlich: Als er eine halbe Stunde später – von einigen Kindern begleitet – zurück kommt, strahlt er. Alle hier wären freundlich, wir könnten hier übernachten und morgen früh könnten sie uns das Kloster zeigen. Zunächst gilt es aber noch eine Hürde zu überwinden: Wir haben unsere Räder über einen schmalen, teilweise steil hinab führenden, Weg zum etwas abseits gelegenen Kloster runter zu manövrieren; mit Hilfe der Kinder gelingt es. Einige dieser Kinder (10-14 Jahre alt) sind Mönche. Ich bin zunächst recht barsch zu ihnen, wie ich mir das im Umgang mit diesen oft »nicht leichten« tibetischen Kindern (leider) angewöhnt habe. Aber diese »(Kinder- )Mönche« sind nicht aggressiv, sie wollen kein Geld von uns, sie werfen auch keine Steine nach uns, nein sie helfen uns sogar, unsere Räder sicher den Berg runter zu bekommen, sie zeigen uns gleich unsere stilvoll mit einfachen Kunstgegenständen eingerichtete »Mönchszelle« und bitten anschließend zum Abendmahl. Und dies alles auf eine so nette und liebevolle Art, dass ich es nach all den bisherigen Erfahrungen in Tibet kaum glauben kann und mich ins »Paradies« versetzt fühle; sie lächeln und lachen so natürlich und herzhaft, einfachtoll. Beim Abendessen lernen wir auch ihren Lehrer, einen 40-jährigen echten »Lama« (nach dem Glauben der Buddhisten sind das jene Menschen, die in diesem Leben ein so hohes Karma erreicht haben, dass sie das »Endziel«, das »Aufgehen ins ewige Nirwana«, nach ihrem Tod erreichen werden) kennen. Nun wundert es uns nicht mehr, dass diese Kinder und Jugendlichen uns so begeistern. Ihr »Meister« ist wahrlich faszinierend. Er verhält sich zu jedem Einzeln seiner Schützlinge so, als wäre er dessen Vater. Er mimt nicht den großen Lehrer, nein er bedient sie alle beim Essen. Und er strahlt eine Ruhe aus, das ist unglaublich. Bei alldem hat er aber alles Andere als seinen Humor verloren. Eine tolle Runde mit einem guten halben Dutzend Mönchen und uns beiden. Mein mit Abstand schönster Abend in Tibet. Und da es gleichzeitig (hoffentlich) auch mein letzter hier sein wird, lasse ich mich trotz meiner Magenprobleme dazu überreden, nun endlich mal ihre Nationalspeise, Tsampa, zu probieren. Der Lama knetet es für uns lange mit seinen nicht gerade sauberen Fingern. Aber Letzteres ist für solche Menschen wohl schon nicht mehr ganz so wichtig. Und wenn schon, dann gibt es Tsampa gleich noch zusammen mit einer anderen Spezialität, Gut so. Dies ist eine Art Yoghurt, der aus Yakmilch gewonnen wird. Sie sind extrem aufmerksam und freuen sich ungemein über jede »Ladung«, die wir zusätzlich noch essen. Aber sie »warnen« uns auch vor der blähenden Wirkung des Gutso. Fernando probiert es erst gar nicht. Na ja, bei mir kann das ja nicht mehr schlimmer werden. Glaube ich zumindest. Die Burschen und auch ihr Meister sind sehr aufgeschlossen und an ALLEM interessiert. Und intelligent. Aber nie aufdringlich. Sie haben wahrlich nicht viel mit den Kindern zu tun, die wir unterwegs getroffen haben. Ich frage mich, WARUM dem so ist? (Dennoch) gehe ich so glücklich wie schon lange nicht mehr ins Bett.