04. August

Mitten in der Nacht muss ich tatsächlich – wie von den Mönchen des Gutso wegen vorausgesagt – auf die Toilette. Mein Problem ist nur, dass ich vor dem Schlafengehen vergessen habe, wo sich eben diese befindet. Da ich es aber – Giardia sei »Dank« – mal wieder nicht halten kann, lasse ich mich direkt vor unserem Zimmer, am Rande der in die Tiefe führenden Mauer, nieder. Am Morgen haben dies die Mönche schon gesäubert. Lächelnd sprechen sie mich darauf an. In ihrem Lächeln schwingt aber kein Vorwurf, höchstens Mitleid mit. Fernando schläft lange. So lege ich mich auch noch mal in meinen mit Yakwolle gefütterten hiesigen Schlafsack. Bald kommen die jungen Mönche, um nach uns zu schauen. Aber nicht »chinesisch« laut polternd, sondern ganz leise und vorsichtig. Da sie sehen, dass Fernando noch schläft, setzen sie sich bei mir aufs Bett und schauen sich schweigend oder nur leise flüsternd um. Als Fernando dann aufwacht, zeigen sie uns, wo wir uns waschen können: Am (kalten) Fluss. Danach gibt es die versprochene Klosterführung inklusive der berühmten Höhle Milerepas, wo wir – wie der berühmte Dichtermönch vor vielen Jahrhunderten – meditieren. überall dürfen wir auch Fotos machen, ohne etwas dafür zahlen zu müssen. Welch ein Unterschied zu den großen Klöstern um Lhasa! Aber immer und überall ist es irgendwann Zeit zum Gehen! Martin wartet nur 11 km weiter auf uns und wir wollen noch heute die chinesisch-tibetische Grenze zu Nepal überschreiten. Die Mönche zeigen sich bis zum letzten Moment von ihrer besten Seite. Bevor wir uns herzlich verabschieden, helfen sie uns noch, unsere Räder den schmalen und steilen Pfad wieder hoch zu wuchten. Danke, Ihr Mönche! Ihr habt meinen Tibet- Eindruck am letzten Tag noch richtig aufpoliert!!! Ich brauche ein paar km, um wieder die Realität in Form der wellblechartigen Piste wahrzunehmen. Dann kommen wir endlich nach Nyalam. Hier wollen wir uns mit Martin wieder treffen. Am Ortseingang ruft jemand plötzlich auf Englisch nach mir. Ich drehe mich um. Aber es ist nicht Martin, sondern ein Polizist. Ohne es richtig wahrzunehmen, habe ich, wie Fernando kurz zuvor, einen Checkpoint »überfahren«. Aber 33 km vor der Grenze lasse ich mich von keiner Polizei mehr anhalten. dumm stellen, kräftig in die Pedale treten und ab durch die Mitte. Nyalam ist die hässlichste Stadt, die ich in Tibet gesehen habe. Fast nur chinesische Kommunistenbauten. Das tibetische Viertel ist total ins Abseits gedrängt worden. Martin finden wir überraschend schnell. Schwieriger ist es mit preiswertem Essen. So beschließen wir nach über einer Stunde vergeblichen Suchens, uns selbst zu verköstigen. Wir können Brot und Eier auftreiben, so dass es mit Hilfe von Martins Kocher eine riesige Portion hausgemachtes Omelette gibt. Fernando und ich sind richtig aufgedreht. Wir sind so froh, China in ein paar Stunden verlassen zu können, dass wir richtig übermütig werden und uns wie typische Chinesen benehmen: Nase laut »hochziehen« und aus dem Mund »rausrotzen«, beim Essen laut schlürfen und alle Abfälle einfach auf den Boden schmeißen. Mit dieser »Aktion« werden wir unseren angestauten »chinesischen Frust« los. Spanische Lieder grölend (wir haben seit Wochen keinen Alkohol getrunken, aber der menschliche Körper setzt manchmal Enzyme frei, die stärker als Alkohol wirken. ) radeln wir aus der Stadt. Aber Tibet probt noch mal unsere Nerven sowie die Qualität unserer Räder. Auf gut 30 km geht es auf größtenteils katastrophaler Straße (Steinlawinen, die die Straße an einigen Stellen für die Autos und Trucks unpassierbar gemacht haben, viele Bäche, »Bapp«, wieder Staub, riesige Steine etc. ) gut 1500 m bergab zum chinesischen Grenzort Zhangmu. Ich brauche vier Stunden für diese 30 km bergab. Ich leide mit meinem Hinterrad, das aber scheinbar allen Widerständen zum Trotz zu halten scheint. Ich muss nun aber auch noch um meine Bremsen zittern, die Bremsklötze lassen spürbar nach, ich habe aber keinen Ersatz dabei. Zu guter Letzt kommt starker Nebel auf, der uns leider nicht mehr viel von der nun doch extrem veränderten Landschaft erkennen lässt. Wir fahren nun in einer tiefen Schlucht. überall ist es jetzt sattgrün. Bäume, Sträucher und auch einige Blumen erweitern die braun-weiße Farbpalette aus dem tibetischen Hochland enorm. Von über all her höre (und sehe ich zum Teil auch) Wasserfälle zu Tal rauschen. Dann komme ich in den Grenzort. Im sehr lang gestreckten Städtchen muss ich am Schluss sogar mein Rad schieben, da meine Bremsklötze nun bis aufs Letzte ausgelutscht sind! Martin und Fernando treffe ich auf der Bank. Die letzten »Pfennige« chinesischen Geldes werden gewechselt. Dann schnell ab an die Grenze. Als die Letzten des Tages werden wir 5 Minuten vor der Grenzschließung (18:30 Uhr) noch »abgefertigt«. Aufatmen, wir sind wieder »freie Menschen«. Rad fahren ist wieder legal. Von Nepal aus kommt dann ein Landcruiser, aus dem dann ein älteres Münchener Ehepaar sowie ein dreiköpfiges »Kanadisch-Münchener Trio« aussteigen. Nachrichten aus der Zivilisation! U. a. von der Tour, vom Dopingskandal, dass Jan Ullrich wieder aufgeholt habe, aber wer letztlich gewonnen hat, das wissen sie nicht. Wir geben ihnen im Gegenzug einige Tipps zu Reisen in Tibet. Ich hoffe, dass sie – aus unserer momentanen Stimmung heraus – nicht zu desillusionierend und niederschmetternd sind. Fernando verstellt seine und meine Bremsklötze, um aus ihnen auch noch das letzte bisschen Gummi rauszuholen. Martin geht bereits auf die 8 km lange Strecke Niemandsland zwischen Tibet und Nepal, Fernando und ich hören, dass wir hier gut essen gehen können. So, lass uns essen gehen! Und es ist wirklich gut! So, wie ich mir eigentlich das chinesische Essen vorgestellt habe: Reis mit Fleisch in süß-saurer Sauce. Beim Bestellen hilft uns eine junge Chinesin, die zur Zeit in Kathmandu arbeitet. Auch sie glaubt uns unsere Schwierigkeiten beim Reisen in Tibet nicht. Solche Probleme in China? Nein, das kann nicht sein! Bestenfalls kommt dann noch die geläufige »Erklärung« »Tibet is special«, was ja wahrscheinlich auch stimmt. Vor lauter Quatschen haben wir kaum gemerkt, dass es bereits dämmert. Fernando will hier bleiben, was wohl auch das Vernünftigste wäre. Aber zum Einen kommt die Grenzpolizei vorbei und weißt uns daraufhin, dass wir nun doch ausreisen sollten und zum Anderen habe ich mir in den Kopf gesetzt, morgen endlich das »Paradies« in Form von Kathmandu zu erreichen. Und dazu sollten wir heute wenigstens noch die 8 km Niemandsland bis zum nepalesischen Grenzposten Kodari zurücklegen. Denn diese 8 km sollen vom Straßenbelag her die schlechtesten auf dem gesamten Weg von Lhasa nach Kathmandu sein, so dass ich wohl sowieso schieben muss, wofür ich dann knapp zwei Stunden bräuchte. Und diese zwei Stunden könnten uns morgen fehlen. Los geht‹s. Bald ist es stockdunkel. Wir hören nur Wasserfälle sowie ab und an kläffende Hunde. Sehen tun wir – trotz (schwacher) Vorderlichter – fast nichts. Fernando sitzt dennoch meist auf dem Rad, ich schiebe, v. a. da es immer wieder – im wahrsten Sinne des Wortes – über Stock und Stein geht. Natürlich auch durch einige Bäche, aber das ist ja inzwischen Alltag. Nach knapp zwei Stunden erreichen wir noch mal eine kleine chinesische Siedlung. Zum letzten Male (Gott sei Dank!) sehen und v. a. hören wir einen dieser so brutalen und lauten chinesischen Filme. In China ist es 23:00 Uhr, nach Passieren der Grenze ist es in Nepal 20:45 Uhr. ENDLICH IM GELOBTEN LAND! durchnässt vom starken Regen der letzten Stunde suchen wir eine Bleibe, greifen bei der ersten Möglichkeit zu und haben auch noch das Glück, dass Martin ebenfalls hier ist. Er hatte bereits geschlafen. Aber nun gibt es unsere Ankunft in Nepal zu feiern. Das machen wir mit dem seit Wochen von mir vorgeschwärmten »Nepali Food« (Dal, Bhat und Takari), dass aber leider hier nicht ganz so gut ist. Glücklich legen wir uns nieder.