05. – 10. September

Pinar, die ich in Ankara kennen gelernt habe, kommt mich während ihres Urlaubs hier besuchen. Die Tage stehen im Zeichen der »Entdeckung Bangkoks«. Natürlich ist das in einer knappen Woche nicht umfassend möglich, aber einen ersten Eindruck kann man schon bekommen. Besichtigungen der kulturellen Orte spielen dabei natürlich eine wichtige Rolle. Zuerst steht dabei Bangkoks größter und gleichzeitig Thailands ältester erhaltener Tempel auf dem Programm: Der Wat Po. In dem schon mehr als 400 Jahre alten Komplex leben um die 300 Mönche. Zwischen einem beeindruckenden Gewirr von Einfriedungen, Wandelgängen, Lehrsälen und Gebetshallen erheben sich 95 Ziertürme sowie 400 Buddha-Figuren aus den verschiedenen Stilepochen. Das Hauptheiligtum des Tempels ist der berühmteste und größte »Liegende Buddha« des Landes: Die gigantische, vergoldete Statue ist 45 m lang, 15 m hoch und zeigt den Erleuchteten im Moment des Eintritts ins Nirwana. Interessant ist auch, dass zahlreiche »Mönchs-ärzte« die medizinische Tradition des Klosters weiterführen und für kostenlose Konsultationen zur Verfügung stehen. Danach geht es zum »Wat Phra Käo«, der angeblich interessantesten Tempelanlage Thailands. Wie meist an solchen Orten sind die Ordner und Reiseleiter ziemlich unfreundlich. Zudem ist der Ort stark überlaufen und man kann ihn so kaum in Ruhe besichtigen. Auffallend sind aber die aufwendigen Wandbemalungen der Klostergänge, die Szenen aus dem Lebendes Buddha zeigen. direkt daran schließt sich der »Grand Palace«, der Königspalast, an, der aber heute vom König und seiner Familie nicht mehr bewohnt wird. Weitere Tempel und Klöster, die sich teilweise dann aber doch sehr ähneln, stehen auf dem Programm. Auch der Besuch einiger Märkte, wobei es in Bangkok leider die so genannten »Schwimmenden Märkte« nur noch zur Schau der Touristen gibt. Statistinnen – angeheuert von der Tourist Office – imitieren (!) Marktfrauen. Das wollen wir uns dann doch nicht antun. Wir »besteigen« noch den 78 m hohen »Golden Mount«, dessen goldener Chedi weithin sichtbar ist. Dieser künstlich erschaffene Hügel war bis in die 60er Jahre hinein Thailands höchstes Bauwerk. Es kann über 318 Stufen erklommen werden. Die erreichte Plattform bietet ringsum einen interessanten Ausblick auf die Stadt. Auch die Chinatown ist einen Besuch wert. Thais und Chinesen haben meist gut zusammen gelebt, es ist sogar zu einer gewissen Verschmelzung gekommen. Die Chinesen haben somit eigentlich auch nie in einem Ghetto gelebt, aber – als Dank für finanzielle Unterstützung – sprach ein thailändischer König den Chinesen das Areal zu, das sie heute bewohnen. Die Chinatown ist ein durcheinander von unzähligen Geschäften und Geschäftchen, Handwerkerläden, kleinen Maschinenfabriken, Obst- und Gemüsemärkten sowie fliegenden Händlern. Einen Grossteil dieser Orte fahren wir mit dem Boot an. Das ist eine Spezialität Bangkoks. Auf den großen Flüssen verkehren regelmäßig Boote – als Verkehrsmittel. Das macht Spaß, ist ruhig, stressfrei, schnell und zudem noch sehr preiswert – sofern man nicht mit den Touristenbooten fährt. Zudem bieten sich von hier sehr interessante An- und Aussichten auf Bangkok. Trostlose Wellblechhütten, riesige Häuserkomplexe und prachtvolle Tempelbauten stehen immer wieder in direkter Nachbarschaft. Neuartig für mich war, dass es neben dem Fahrer und der Kassiererin (läuft klimpernd mit einer länglichen Metallbüchse umher, was zum Zahlen auffordern soll) immer noch einen »Dritten« gibt. Dieser hat mit einer Trillerpfeife den ca. 20 m vom »Ausgang« sitzenden Fahrer so zu dirigieren, damit dieser – obwohl er nichts sehen kann – gut anlegen kann. Dies wird mit ganz bestimmten Pfeiftönen gemacht. Eigentlich auch eine Kunst! Manchmal fahren wir auch einfach planlos drauflos, einfach mit dem nächstkommenden Boot. Interessante Ansichten bieten sich fast überall. Sowie interessante Leute. Einheimische und auch Touristen. Einmal begegnen wir auch einem jungen Ehepaar aus Lorsch, die gerade auf ihrer Hochzeitsreise sind. Zum ersten Mal außerhalb Europas ist für sie sogar Bangkok ein Kulturschock. Dabei wohnen sie in besten Hotels, halten sich fast nur in den »gepflegten« Stadtteilen auf. Was hätten die nur in Tibet oder in vergleichbaren Orten gemacht? Ihre Klagen (»das Boot schaukelt aber stark« etc. ) kann ich kaum nachvollziehen. Vielleicht kommt das auch daher, dass sie vor zwei Tagen noch im »Hessenland« waren und ich mich doch schon viereinhalb Monate in Asien aufhalte, wobei die meisten Orte unserer Heimat wesentlich fremder waren als Bangkok. Möglicherweise habe ich mich auch ein bisschen verändert und ein wenig in Denk- und Verhaltensweise den Asiaten angenähert? Auf der Straße werden wir ab und zu von freundlichen Thailändern angesprochen. Immer die gleiche Art von Typen. Sie können ein bisschen Englisch, waren mal in Europa, gehören wohl der gehobenen Mittelschicht an und legen auf das äußere viel Wert. Gerne geben sie aber auch ein paar Tipps für uns. Der Zustand meines »Thrombosebeins« verbessert sich weiterhin. Obwohl wir von morgens bis abends fast pausenlos auf Achse sind, habe ich keine Beschwerden. Im Schlendertempo kann man mir wohl auch nicht mehr ansehen, dass ich vor kurzem nur humpeln konnte. Ich bin über diese weiteren Fortschritte froh und dankbar! Aber ich weiß, dass ich dennoch weiterhin sehr vorsichtig sein muss. Darum statte ich dem empfohlenen »Bangkok Christian Hospital« einen Besuch ab. Das Personal ist unglaublich freundlich und die Einrichtung lässt sich (auch in Bezug auf Sauberkeit) durchaus mit europäischen Einrichtungen dieser Art vergleichen. Mein Bluttest ergibt Erfreuliches: Alle Werte (inklusive der Leber) sind absolut in Ordnung. Der im dritten Versuch (in Kathmandu waren zwei »fehlgeschlagen«) durchgeführte »Stuhltest« stellt mich an sich auch zufrieden: Amöbenruhr habe ich definitiv nicht, aber nach über zwei Monaten der nur eigenen Diagnosen – aufgrund von äußerlich feststellbaren Indikatoren – bekomme ich es nun schwarz auf weiß bestätigt, dass ich Giardia habe. Ich starte gleich eine zehntägige Antibiotikakur. Dann sollte dieses Problem auch gelöst sein. Das Touristenviertel »Khao San Road« ist nicht gerade wie geschaffen für mich. Wohl über 95 Prozent sind »Weiße« aus »westlichen« Ländern, meist im Studentenalter. Aber (für mich) ziemlich langweilige Typen, die morgens spät – bereits bei TV-Gedudel – frühstücken, den ganzen Tag irgendwie abhängen und abends bei ein paar Bier sich dann irgendeinen der in allen(!) Restaurants angebotenen Filme »reinziehen«. Und das Tag für Tag. Nur bedudeln lassen. Mir ist die Musik (die mir halt auch nicht gefällt), die TVs sowie die gezeigten (meist sehr aggressiven und auch einfach strukturierten) Filme viel zu laut und aufdringlich. Das ich mich auch in dieser Straße in Asien befinde, kann ich kaum glauben. Jedenfalls hat es nicht viel mit dem zu tun, was ich von der Türkei bis Tibet gesehen habe. Das Beste in der »Khao San Road« sind die Straßenküchen: V. a. gibt es gebratene Nudeln mit Gemüse, gekochte sowie gebratene Maiskolben, »Hühnchen-Döner« sowie für den »Nachtisch« Crepes. Schmackhaft und preiswert, gerade im Vergleich zu den hiesigen Restaurants. Aber insgesamt hat Bangkok eines der größten Schlemmerparadiese Asiens zu bieten. International und gut. Wir essen z. B. italienisch, chinesisch, japanisch. Allerdings nutze ich es aus, mich gerade in einer Metropole aufzuhalten und dementsprechend stillen wir unseren Hunger auch mal bei McDonalds. öfters wird man hier auch mal gefragt, ob man denn nicht eine »Massage« (sprich: »masasch«) haben wolle. Damit ist oft das horizontale Gewerbe gemeint, manchmal aber auch traditionelle Thai-Massagen. Teilweise weiß ich nicht, was jetzt im konkreten Fall gemeint ist. Der zweifellos in Thailand vorhandene Sextourismus ist ein großes Problem, v. a. für die oft noch sehr junge Frauen. Aber der Staat toleriert das, da er Geld braucht. Reiseveranstalter werben ja sogar mit diesem Image Thailands. Bevor ich wieder in »tourismusfreie« Gebiete verschwinde, tätige ich noch ein paar Ausgaben. Weniger in dem in Bangkok weit verbreiteten Bereich von Kleidung und Schmuck, sondern in einen einfachen Walkman. Mir fehlt einfach »gute« Musik. Und da hier die Kassetten nur gut 2 DM pro Stück kosten, halte ich das – gerade für die möglicherweise folgenden einsamen Wochen (nach nun zweieinhalb Monaten, in denen ich eigentlich nicht mehr alleine gereist bin) – für eine gute Investition. Die mir bekannte Musik von Depeche Mode, Smashing Pumpkins, Sheryl Crow, The Prodigy, The Cure, Enigma und den Beatles sollen mich in »schweren Stunden« wieder aufmuntern. Fernando habe ich vor ein paar Wochen noch »ausgelacht«, als er mir erzählte, dass er sich in Bangkok einen Walkman gekauft habe!? Wichtiger aber ist eine Lösung in Sachen »gescheiter« Kamera. Die Kleinbildkameras sind auch in Bangkok überraschend teuer. Da kommt mir die Anzeige eines »Sebastian« gerade recht. Ein Berliner, der nun von Südostasien nach Indien fliegt und dort seine Kamera nicht mehr »überall hinschleppen« will. Das sei zu viel Gewicht im Rucksack. Es handelt sich nicht um eine Kleinbildkamera, sondern um eine »richtige«, mit der man sowohl händisch als auch automatisch fotografieren kann. Natürlich eigenes abnehmbares Objektiv und auch manche andere Extras. Das wäre genau das Richtige für mich. Die Fotografiererei macht mir immer mehr Spaß. Er will 200 USD, ich biete ihm 150 und baue darauf, dass sich bis zu seinem Abflugtag niemand mehr bei ihm meldet. Zwei Tage später einigen wir uns auf 160 USD (knapp 300 DM). Ich bin stolz auf die Kamera wie ein kleines Kind an Weihnachten. Mit Begeisterung lese ich gleich die Bedienungsanleitung durch, lege einen Film ein und los geht das Vergnügen. Allein schon das Geräusch beim Auslösen begeistert mich. Wann hat mich Technik schon mal so fasziniert?