06. Mai

Wenn man bisher nur gewohnt war, in Mitteleuropa ein Bahnticket zukaufen, wird man in der Türkei eine (oder mehr?) überraschung erleben. Ich habe mich inzwischen endgültig entschieden, die durch das auf sich warten lassende iranische Visum entstandene Freizeit zu einem Abstecher nach Kappadokien zu nutzen. Da dies aber über 300 km entfernt ist, beschließe ich, die türkische Bahn zu nutzen, um auch diese (Reise-)Verhältnisse einmal kennen zu lernen. Der Reiseführer warnt mich davor ausdrücklich. Das Abenteuer beginnt bereits beim Ticketkauf. Als »Dolmetscherin« habe ich die am Vorabend kennen gelernte Türkin, Pindar, dabei. So sollte ja alles ganz einfach sein. Aber: Fahrpläne gibt es keine, die Beamten am Schalter wissen weder die Abfahrtszeiten der Züge für den nächsten Tag, noch wie lange die Züge brauchen und ob eine Radmitnahme möglich ist. Ich kann mir ein erstauntes Lachen nicht verkneifen, für die einheimische Türkin ist das aber alles ganz normal. Braucht man sich da zu wundern, dass der Zugverkehr in der Türkei ziemlich am Boden liegt? Aber, und das ist das Tolle: Irgendwie findet man hier immer eine Lösung! Irgendwann finden wir jemanden, der uns unsere Fragen beantworten kann. Mein Zugticket kostet gut 4 DM, für über 330 km! Die Fahrt soll sieben Stunden dauern und eine Radmitnahme sei möglich! Ich sehe zum ersten Mal auf meiner Tour mal wieder eine deutsche Zeitung (FAZ). Da dies die Ausgabe über die vom FCK errungene deutsche Meisterschaft ist, kaufe ich sie mir und verschlinge jeden Satz! Was lese ich da u. a.? Kaiserslautern als Fußballhauptstadt der Welt. Natürlich hat nun auch jeder von Anfang an gewusst, dass dieser FCK Deutscher Meister werden musste. Und: Pfälzer seien eigensinnig, stolz, widerborstig und zäh? Sind das vielleicht sogar Eigenschaften, die man auf einer Weltumradelung braucht? Ich bin gerührt und fühle eine besonders starke emotionale Verbindung mit der Heimat. Am Abend treffe ich noch mal Pindar. Nachdem wir eine türkische Pizza gegessen haben, gehen wir in eine gemütliche und stark westlich geprägte Bar, in der sogar die deutschsprachige Band »Rammstein« gespielt wird. Als ich in der Nacht in mein Hotel zurück komme, unterhalte ich mich noch lange mit den hiesigen beiden Hotelmanagern, die mir immer schon von weitem ein »Christoff« entgegen rufen. Mit ihren wenigen englischen Worten erzählen sie mir wieder einmal von ihren (im ganzen türkischen Volk weit verbreiteten) Träumen, in Deutschland zu arbeiten und »viel Kohle« zu machen. Ob sie aber wirklich glücklicher in Europa werden?