08. Mai

Nun bin ich in Kappadokien, in dieser beinahe surrealistisch wirkenden Tuffsteinlandschaft. Regen, Wind und Flussläufe haben hier im Laufe von Jahrmillionen zerfurchte Canyons, flache Täler und tiefe Rinnen in die vulkanischen Ablagerungen gegraben und spektakuläre Verwitterungsformen wie Pyramiden, Nadeln, Türmchen und Kegel geschaffen. V. a. bei Sonnenuntergang wird hier häufig mit einer großen Palette unterschiedlicher Pastellfarben ein grandioses Naturschauspiel geboten. Der poröse Tuffstein wurde schon in vorchristlicher Zeit bearbeitet. Unzählige Eremitenklausen und Mönchszellen, Höhlenkirchen, Felsenklöster wurden von Eremiten, aber auch von Zuflucht suchenden Christen zwischen dem 4. und 11. Jh. in den weichen Tuffstein geschlagen. Heute ist Kappadokien die am meisten besuchte Gegend im kargen Hochland Zentralanatoliens. Ich fahre früh und ohne irgend ein störendes Gepäck los. Es herrscht noch überhaupt kein Verkehr, das Wetter ist optimal. Voller Euphorie besichtige ich einige abseits der Straße gelegenen Sehenswürdigkeiten. Ich bin hier ganz alleine, kann mir alles genau und in Ruhe anschauen, einige interessante Fotos machen. Toll! Unterwegs treffe ich endlich mal wieder Radler: Vater und Sohn sind unterwegs von Istanbul nach Kappadokien. Ein bekannter Touristenort (Kaymakli) leitet die heutige Wende ein: Plötzlich viel Betrieb, unzählige Touristen. Diese (aus aller Welt!) führen sich teilweise »deppert« auf, indem sie einfach viele Landessitten übergehen (vielleicht weil sie diese gar nicht kennen/kennen lernen wollen?). Die Einheimischen tolerieren dies, weil sie von den Touristen abhängig sind. Dafür nehmen sie diese nach allen Regeln der Kunst aus. Teure Eintrittspreise, im Café sowie in den Geschäften deutlich höhere Preise als für die Einheimischen. Die hiesigen Sehenswürdigkeiten sind auch nicht interessanter als diejenigen, die ich am Morgen sehen konnte. Aber hier steht man sich auf den Füßen. Ich sehe zu, dass ich verschwinde. Das einzig Positive hier ist ein Gespräch mit einem Amerikaner, dessen Familie im 17. Jh. aus der Pfalz ausgewandert ist. Diese hat den Pfälzer Dialekt bewahrt, er spricht mit mir über »äppel«, »Gelriewe« etc. Zudem lädt er mich ein, ihn um den Jahreswechsel in Phönix/Arizona zu besuchen. Am späten Abend komme ich nach ürgüp zurück und werde gleich vom Chef des hiesigen Radverleihs zum Tee und Raki eingeladen. Den später angebotenen Hasch lehne ich zu dessen großer überraschung ab. Als ich zum Campingplatz zurückkehre, herrscht hier das totale Kontrastprogramm: Statt beschaulicher Einsamkeit Party! Einige Kunststudenten der Uni Kayseri haben hier ihr Quartier bezogen, um einen Fotokurs absolvieren zu können. Fotografiert wird heute Abend nicht allzu viel.