08. Oktober

Als ich spät in der Nacht zum Hotel zurück gehe, muss ich daran denken, wie unwohl ich mich fühlen würde, an manchen Ecken Frankfurts um diese Zeit umherzuspazieren. Hier aber habe ich nie das Gefühl, dass da etwas passieren könnte. Liegt diese positive Erscheinung in weiten Teilen Asiens an deren tief verwurzelten Kulturen und Religionen oder auch an den Strafandrohungen der Regierungen? Am späten Vormittag verlassen wir dann Kuala Lumpur, wieder auf der Autobahn. Es ist heiß. Nach 40 km legen wir so bereits die erste Trinkpause ein. Auf der Raststätte stehen noch zwei weitere, schwer bepackte Mountainbikes herum. Tatsächlich, zwei weitere Tourer, ein holländisches Paar. Sie leben in Singapore und befinden sich nun auf einem vierwöchigen Malaysia-Trip. Wir unterhalten uns ganz nett. Aber einer der letzten Sätze stört mich: Auf meine Bemerkung, dass das Rad für mich in erster Linie das optimale Reisemittel sei, aber zumindest auf diesem Trip nur sekundär ein Sportgerät, kommt von Wim die klare Abgrenzung zu uns: »We are real cyclists!«. Barry schaut und grinst mich an. Ich verstehe ihn sofort, er hat das genauso empfunden. So beschließen wir zu prüfen, ob sie »real cyclists« sind. Großmäuler – v. a. wenn wenig dahinter steckt – habe ich noch nie leiden können. So starten wir bald nach den Holländern und haben sie schon nach wenigen km fast eingeholt. Am nächsten Hügel gehen wir – freundlich grüßend – an ihnen vorbei. überraschenderweise haben wir sie scheinbar schon damit ausgeknockt, sie können uns bereits nicht mehr folgen. Aber Barry hat heute stark mit der Hitze zu kämpfen. Die Holländer kommen sogar wieder näher. So ergibt sich für die nächsten km eine schon fast groteske Situation: über den malaysischen Highway zwischen Kuala Lumpur und Malacca rasen quasi in Verfolgungsjagd zwei Radduos: Barry und ich in Front und zwischen 100 und 200 m Abstand hinter uns unsere Freunde aus dem Tulpen- und Käseland. Wie kindisch können wir Menschen doch sein! Dieses Spielchen endet erst, als wir – wie schon am Morgen verabredet – von der Autobahn runtergehen und uns die größere Stadt Seremban anschauen. Barry liebt halt große Städte. Das einzig Interessante hier sind aber die Relikte der Minangkaban-Kultur (eigenwillige, aber interessante Dachkonstruktionen bei alten Gebäuden). Weiter. Die Sonne brennt erbarmungslos vom blauen Himmel runter. Aber kein Lüftchen weht. Schwitzen, Hügel. Ausgetrockneter Gaumen. Plötzlich merke ich, dass Barry nicht mehr da ist. Obwohl ich gerade zum ersten Mal wieder die »real cyclists« in nicht allzu weiter Entfernung erblickt habe (die »Helden« scheinen sie auf dem Rad nun wirklich nicht zu sein), stoppe ich und warte. Aber Barry kommt nicht. Ich halte ein Auto an und frage die Insassen, ob sie einen weiteren Radler gesehen hätten. Sie kommen aus Deutschland, sind vom Alpenverein und besuchen in den nächsten Tagen einen internationalen Kongress (wichtig!) übers Bergsteigen. Einer meint, er hätte einen Radler gesehen, der andere behauptet, dass da keiner gewesen sei. Ich fahre auf dem Seitenstreifen zurück, hoffentlich Barry entgegen. Und Gott sei Dank – bald sehe ich ihn von weitem, schwer stampfend. Er sieht gezeichnet aus, das ist nicht der Barry, wie ich ihn die letzten Tage erlebt hatte. Wahrscheinlich ist er dehydriert. Trinken, trinken heißt die Devise. Immerhin gut zehn Liter sind heute mal wieder fällig. Ich sehe es als Test für noch heißere Wüstentage in Australien. Barry kämpft. Seine gesamte Muskulatur, nicht nur die Beine, ist total verspannt. Mir schneidet ein Autofahrer den Weg. Meine verkehrstechnisch bisher gefährlichste Situation. Ich kann gerade noch rechtzeitig eine Vollbremsung hinlegen. Ansonsten wäre ich mit hoher Geschwindigkeit (war gerade auf einer Abfahrt) mitten in die Flanke des Autos hinein gefahren. Ich bin wütend, schreie den Autofahrer an und halte ihm – (in der Emotion) auf Deutsch – eine Standpauke. Er schaut mich an, als würde er gerade den Yeti erblicken. Historischer Moment für mich: Endlich habe ich meine zeitlich viel kürzere, letztjährige Europatour auch kilometermäßig übertrumpft und befinde mich so endgültig auf der längsten Radtour meines Lebens. In der Dämmerung erreichen wir Malacca. Finden schnell ein brauchbares Hotel, wieder mit Air-Condition. Die ersten Eindrücke beim gleich folgenden Stadtbummel sind nicht gerade überwältigend. Eher langweilig, nichts Herausragendes. Das einzig wirklich Gute ist ein tolles indisches Restaurant. Typisch südindische Küche, es mundet. Wenn wir morgen noch keinen Durchfall haben, werden wir wohl wiederkommen.