09. Dezember

Dennoch wieder erst kurz vor 7 Uhr aufstehen. Mist, schon jetzt starker Wind und wieder von vorne. Frühstück im Roadhouse. Wasserstellen auf dem Weg nach Marla, der nächsten übernachtungsmöglichkeit in 178 km? Der hiesige Chef und auch ein Straßenarbeiter verneinen. Verdammt, da werde ich bei der heute zu erwartenden Hitze über 10 l von Anfang an mitschleppen müssen. Ein bisschen müde von gestern bin ich auch noch. Das wird heute sehr hart, vielleicht zu hart? Ja, wohl zu hart. Ich entscheide mich, einen Ruhetag einzulegen. Ruhetag am Roadhouse. Wird wohl nicht gerade spannend. Wenigstens kann ich neue Batterien für mein Vorderlicht sowie Schrauben für meine Radtaschenbefestigungen besorgen. Bis auf das scheinbar angeknackste Tretlager scheint soweit alles wieder in Ordnung am Rad. Der Wind pfeift weiter kräftig aus südöstlichen Richtungen. Ich lege mich aufs Bett und lese ein bisschen was über den mich bereits in 19 km erwartenden nächsten australischen Bundesstaat »South Australia«. Als ich wieder aufstehe, verspüre ich einen Schmerz in der linken Kniekehle. Bei jedem Schritt sticht es leicht. Der Schmerz wird größer. Ich bekomme Angst, Symptome wie bei meiner Thrombose vor vier Monaten in Kathmandu. WARUM diesmal?!? Im Roadhouse erkundige ich mich nach dem nächstgelegenen »Medizinischen Service«. Der sei in Alice Springs, der nächste Bus dorthin gehe morgen früh um 11 Uhr. Ich könne auch beim »Royal Flying Doctor Service« anrufen. Die Frau am Tresen gibt mir die Telefonnummer. Ironie des Schicksals? Vor gerade mal drei Tagen habe ich die »fliegenden ärzte« noch als weit außen stehender Betrachter besucht, nun holen sie mich hier vielleicht schon bald ab. Ich will aber erst mal noch ein paar Stunden warten, obwohl das bei einer Thrombose nicht richtig ist. Ich hoffe aber noch, dass die Ursache meines Schmerzes eine andere ist, auch wenn meine Hoffnung gering ist. Ich verlasse das Roadhouse und sehe die ersten zwei Radtourenfahrer seit Barry in Malaysia. Ein Schweizer Pärchen aus Luzern. Sie sind in Perth losgefahren, durch die Nullarborwüste und kurbeln nun »rauf« zum Uluru, bevor es mit dem Bus dann wieder zurück in den Süden Australiens geht und von dort über Neuseeland und die USA wieder zurück nach Europa. Endlich bekomme ich Infos aus erster Hand. Die nächsten 500 km seien noch hart, dann werde es spürbar kühler. So heiß und damit so hart wie hier sei es nirgends gewesen. Die Nullarborwüste sei »ein Dreck« dagegen. So weit, so (sehr) gut. Das Negative (für mich): An ca. sechs Tagen in der Woche käme der Wind aus südöstlichen Richtungen, was für mich Gegenwind bedeutet. Aber ich glaube sowieso nicht mehr daran, dass ich in Australien noch mal aufs Rad komme. Meine »Zukunft« wird erst mal das Krankenhaus in Alice Springs sein, bevor ich – die Schnauze dann wohl gestrichen voll – die Heimreise antreten werde. Eine der größten Enttäuschungen und Frustrationen meines Lebens bahnt sich an, zumal ich scheinbar einsehen muss, dass ich »zu dumm« zum Reisen bin. Als ich nach dem stundenlangen Gespräch mit den Schweizern wieder aufstehe, geschieht ein für mich großartiges Wunder: Der Schmerz ist nicht größer, eher sogar geringer geworden!!! Vorsichtige Freude. Vor dem Schlafengehen bin ich fast wieder absolut schmerzfrei und packe sogar schon wieder die Sachen für eine mögliche Weiterfahrt morgen früh zusammen.