09. Juni

Nun geht die Reise weiter. Der Flieger soll mich nach Dehli bringen. Internationale Atmosphäre herrscht hier. An den jeweiligen Schlangen vor den entsprechenden Boxen kann man schon erkennen, wohin dieser Flug geht. Hier strenge Muslime, dort vornehmlich weiße Europäer und wieder woanders die unvergleichlichen Menschen aus Südostasien. In der Zeitung im Flieger lese ich, dass Indien Pakistan Frieden anbieten will. Hätte ich vielleicht doch radeln sollen? Es gibt kein Wenn und Aber, es gibt nur die Realität. Und die führt mich nun nach Indien. Und nach eineinhalb Monaten in islamischen Ländern will ich mich nun auch für andere Kulturen öffnen. Den größten Teil des Fluges verschlafe ich. Ankunft in Dehli. Nun ist tatsächlich ein Teil meines Gepäcks weg: Mein Schlafsack ist wohl irgendwo hängen geblieben. Ich fülle einige Zettel aus und dann wird mir versichert, dass ich ihn nach Kathmandu nachgeschickt bekäme. Schaun mer mal. Wenigstens mein Rad ist noch im selben Zustand wie zuvor. Ich radle los. Es ist viel angenehmer als ich dachte. »Nur« 35° C, der Verkehr gar nicht so chaotisch, die Leute sprechen größtenteils sehr gut Englisch. An den Linksverkehr gewöhne ich mich auch schnell. Die Menschen (v. a. Frauen) sind hier nicht mehr uniform, sondern sehr unterschiedlich. Mir gefällt es. Der Vielvölkerstaat Indien wird mir einiges bieten. Auf der deutschen Botschaft hole ich die von meinen Eltern (und nicht von der »Banane«!) geschickten Dinge ab. Darunter ist auch ein vom Frankenthaler Radsportgeschäft Gruber gespendeter (herzlichen Dank!) hochwertiger Radhelm. Ich unterhalte mich mit Hr. Gross, der nach einem Telefonat mit meinem Vater dieses Paket unbürokratisch angenommen hat (offiziell dürfte er das gar nicht). Er vermittelt mir eine preisgünstige Unterkunft sowie eine Möglichkeit zum Emailen. Nachdem ich alles erledigt habe, bin ich am Abend äußerst ausgeglichen, wie ich es von mir kaum kenne. Menschen, die mich anbetteln oder anschwätzen, bringen mich nicht aus dem Gleichgewicht. Ich unterhalte mich mit ihnen, gebe ihnen etwas Geld und wünsche ihnen alles Gute. So treffe ich einen Drogendealer (heute oft nach Hasch gefragt worden, bei den Europäern herrsche eine große Nachfrage; bei mir halt nicht), kleine Kinder und einen alten Mann in alten Lumpen. Es ist bereits dunkel, 22 Uhr Ortszeit (inzwischen 3 1/2 Stunden »vor« Deutschland). Ich spaziere durch die Straßen und sehe bisher nicht erlebtes Elend. Reihenweise Leute, die direkt neben der Hauptstraße auf dem blanken Boden liegen, nackte kleine Kinder, die im Dreck aufwachsen. Hier riecht es nach Urin. Wo sollen sie auch sonst hin pinkeln? Manche können nicht mehr gehen und stellen gerade diese ihre körperlichen Missstände zur Schau, um damit Mitleid zu erwecken und vielleicht auch ein bisschen Geld zu ergattern. WIE kann man diesen Menschen helfen? Was wird zur selben Zeit gerade in Dubai, New York und Frankfurt los sein? Manche (eh schon fettleibige) Menschen werden sich gerade wiederholt ihre Bäuche voll hauen, während andere genau in diesem Moment verhungern? WARUM tun wir gegen diese Missstände nichts? Ist da nichts zu machen? Unsere Welt wächst doch immer mehr zusammen! Wenn der Mensch nur unbedingt wollte, könnte er hier sicher mehr tun. Mir fallen manche Menschen zu Hause ein, die über ihre materiellen Abstriche jammern und dennoch großes Auto fahren, ein Haus und alle sonstigen Annehmlichkeiten haben.