09. Oktober

Zunächst muss ich meinen wenige km vor Schluss der gestrigen Etappe gebrochenen Lowrider austauschen. Gut, dass ich der Konstruktion nicht hundertprozentig vertraute und Ersatz mitnahm. In einem Reiseführer heißt es, wer Malacca nicht gesehen habe, könne die malaysische Seele nicht entdeckt haben. Sprüche. Malaccas Geschichte ist durch wechselnde Kolonialherren bestimmt. Seitdem 16. Jahrhundert. hatten nacheinander Portugiesen, Holländer und Engländer jeweils für ca. eineinhalb Jahrhunderte das Sagen. Als ich dann in den historischen Altstadtkern komme, ist dieser europäische Einfluss tatsächlich unübersehbar. Zuerst deutlich wird dies beim Wahrzeichen der Stadt, der ganz in rot gehaltenen »Christ Church«. Ziegeln und Schindeln wurden extra zu deren Bau vor zweieinhalb Jahrhunderten aus Holland importiert. Dennoch: Für mich ist diese Kirche ebenso wie die »Saint Francis Xaviers Church« nur von außen interessant. Innen sind sie nüchtern und kalt, ich empfinde sie sogar beinahe als aussagelos. Da beeindrucken mich doch mehr die Ruinen der auf einem Hügel gelegenen »St. Pauls Church«. Rustikal. Interessante Grabinschriften. Weitere koloniale Erinnerungsstücke sind der Queen-Victoria- Brunnen sowie der typisch britische Uhrturm, Windmühle und Stadthyus der Holländer sowie überbleibsel der ehemaligen portugiesischen Festung »AFamosa« (Porta de Santiago). Ansonsten? Museen, die mich aber schon vom (angepriesenen) Inhalt her nicht interessieren sowie zwei, drei nette Straßenzüge mit diversen Tempeln und Moscheen, wie man sie aber in jeder etwas größeren Stadt Malaysias sehen kann. Besonderes? Ein paar ganz interessante Antiquitätengeschäfte, Künstlerateliers und Gewürzläden. Aber insgesamt kommt mir Malacca nach Kuala Lumpur wie eine Kleinstadt vor, die so macht, als hätte sie viel zu bieten. Aber für mich ist sie weder Fisch, noch Fleisch, weder eine beeindruckende Metropole, noch eine durch ihr Flair faszinierende Kleinstadt. Hauptsächlich gehen mir sowieso andere Gedanken durch den Kopf. Es beschäftigt mich, dass die Chancen immer geringer werden, dass ich ab März `99 ein Praktikum als zukünftiger Pastoralreferent machen kann. Zugleich werden mir aber auch zwei Monate fehlen, um meine Tour in dem inzwischen bewährten Reisestil beenden zu können. Zwei Dilemma, wenigstens eines davon will ich ausschalten. Daher schreibe ich per Email den für mich wichtigsten und damit entscheidenden Personen diese Gedanken und bitte um eine Verlängerung der Welttour bis 29.05.1999, sofern sich in Sachen Beruf nicht doch noch überraschenderweise etwas ergeben sollte. Am Abend treffe ich mich mit Barry. Er teilt mir mit, dass er sich zwar heute schon wieder wesentlich besser als gestern fühle, aber noch einen weiteren Ruhetag benötige. Ich »muss« aber weiter, so werden sich morgen unsere Wege trennen. Schade! So gehen wir wenigstens noch mal gemeinsam essen, diesmal bei einem Chinesen. Letztes interessantes Gespräch. über die »verflossenen« Frauen (fühlt sich jemand angesprochen?). Barry möchte nun auch nach Java (umso größer ist der Jammer, dass wir nicht zusammen weiterfahren können!), von dort weiter nach Borneo (v. a. Ostmalaysia und Brunei, dessen Sultan der reichste Mensch der Erde sein soll), auf die Philippinen und zum Abschluss vielleicht noch auf Neuseeland. Kurz nach Mitternacht (da ist es billiger, so dass ich mit meiner Telefonkarte wenigstens fünf statt drei Minuten anrufen kann) will ich meiner Schwester zum Geburtstag gratulieren, sie ist aber leider nicht da. Warten und noch mal probieren. Gegen 2 Uhr erreiche ich sie dann auch tatsächlich noch.