10. Dezember

Und tatsächlich, um halb sieben geht der Christoph wieder auf die weite Reise. Keine Schmerzen mehr, aber immer noch verspannte Beine. Die Schweizer sind schon weg, aber ja sowieso in die entgegen gesetzte Richtung. Der Wind ist schwächer als befürchtet. Mehr noch: Er kommt bei weitem nicht konstant von vorne, sondern er wechselt häufig die Richtung: Gerade bremste er mich noch ab, gibt er mir nun schon wieder einen kräftigen Schub von hinten. Nach 20 km fahre ich über die Grenze. Nein, ich verlasse nicht Australien, das geht ja auf dem Landweg auch gar nicht. Ich wechsle nur von einem in einen anderen der insgesamt sieben australischen Bundesstaaten, vom »Northern Territory« nach »South Australia«. Grenzbeamte gibt es aber nicht, nur einige Tafeln und Hinweisschilder. Weitere 36 km weiter doch eine Wasserstelle. Die Schweizer Radler hatten es mir bereits »verraten«. Nun folgen aber tatsächlich 120 km ohne jegliche Versorgung. Also genügend Wasser »hamstern«. Denn das Wetter ist »typisch australisch«: Nicht einmal die kleinste Wolke tummelt sich am Himmel, die Sonne »brutzelt« runter. Es wird heiß werden, sehr heiß sogar. Fahren, trinken, Wasser vom Wassersack in die Trinkflasche umfüllen, weiterfahren. ökonomisch treten, Pausen am schattenlosen Straßenrand kurz halten. Eingeübte, inzwischen schon fast automatisierte Abläufe. Eintönig könnte man das nennen, aber das große Ziel» Kontinentaldurchquerung von der Timor Sea bis zum Southern Ocean« treibt mich voran. Und ich freue mich wie ein kleiner Junge (der ich innerlich vielleicht auch geblieben bin) über jeden zurückgelegten km. Heute sogar ganz besonders, denn gestern sah ich mich ja noch eher im Krankenhaus als noch mal auf dem Stuart-Highway. Die Weltumradelung schien ihr trauriges Ende an einem kleinen, schmuddeligen Roadhouse zu nehmen. Und nun? Der Christoph radelt, als ob nichts gewesen wäre. Die wievielte Krise scheint damit überstanden? Der Stuart- Highway als komprimierte Darstellung der gesamten Welttour?! Ein Auf und Ab, wie das Leben halt so ist. Nur lässt sich das bei einer simplen Radtour besser darstellen als im »normalen Leben«, das komplexer zu sein scheint. Viel Wasser fließt durch die Kehlen. Es werden wohl wieder – wie vorgestern – 12-13 l über den Tag verteilt werden. Heiß ist es inzwischen. 39° C im Schatten. Aber letzteren finde ich ja leider nirgends mehr. Aber ich scheine mich zwischenzeitlich zum Wüstenfuchs entwickelt zu haben. Hitze und auch der auf den letzten 60 km recht konstante Gegenwind machen mir nicht viel aus. Ich halte dagegen. Schwierig wird es nur, als ich auf den letzten 30 km mein Wasser rationieren muss. Wer kann nachvollziehen, wie gut nach 2 km »Wartezeit« – inzwischen ist Zunge und Gaumen »ausgetrocknet« – wieder ein Schluck von auf ca. 50° C erwärmtem Leitungswasser schmecken kann??? Mit kleinen Schwierigkeiten auf den letzten km erreiche ich noch vor 16, nein nach »South Australia Time«, vor 17 Uhr das Roadhouse Marla, noch 1082 km nördlich von Adelaide. Wichtiger ist mir aber inzwischen, dass es nur noch 772 km bis zum Ende des Stuart-Highways in Port Augusta sind. Dann ist auch das Outback vorbei, die Temperaturen sind wieder angenehm und das Vorsorgungsproblem wird sich dann in Luft aufgelöst haben. Der »Bastard« verliert seine Zähne, die Hölle neigt sich langsam dem Ende zu. Aber Christoph, pass auf, denn jedes Mal, als du dachtest, du hast die Sache nun im Griff, kam der nächste Knüppelschlag. Und einige halten ja die nun folgenden km für die schwierigsten zwischen Darwin und Adelaide. Für heute bin ich jedenfalls happy, ich kann es selbst kaum glauben, dass ich unter all den Umständen bis hierher gekommen bin. Einen Supermarkt gibt es sogar hier, mit allem, was ich mir wünschen kann. Milch und Orangensaft fließen in Strömen. Ich trinke es in Gedenken an meinen »Manager« Wolfgang Deobald, den ich bis zum heutigen Tage zwar noch(!) nicht zu Gesicht bekommen habe, der aber unter für mich glücklichen Umständen zum »Lenker« eines Großteils der Geschicke der Weltumradelung geworden ist und den ich über viele Emails und großen Einsatz für bestimmte Dinge sehr zu schätzen gelernt habe. Heute hat er Geburtstag. Das Beste für dich, Wolfgang, und ein herzliches »Vergelt’s Gott«!!!