11. August

In der Nacht hat mein Leidensgenosse im Zimmer immer mal wieder große Schmerzen; entsprechend weint und stöhnt er, ich werde immer wieder wach. Gegen 5:00 Uhr wird es hell. Nun kann ich mir den Raum mal bei Tageslicht richtig anschauen: Riesige, alte Spinneweben, soweit das Auge reicht. Wenige Rumpelkammern in Europa werden so aussehen. Im Krankenhaus herrscht schon wieder richtiger Trubel. Und immer wieder wird jetzt Puls, Blutdruck und Körpertemperatur überprüft. Alle Krankenschwestern und auch mehrere Zimmergenossen fragen mich wieder und wieder, WO denn meine Familie bleibe. Ja, die sind in Europa und das ist weit, weit weg. Nach dieser Auskunft ernte ich immer nur unverständnisvolle Blicke. Was ich zum Frühstück wolle? Erst mal ist zu fragen, was es denn gibt: Eier, (Weiß-)brot, Marmelade, Butter, äpfel. So antworte ich, dass ich bis auf ein Ei ALLES will. Nein, das ginge nicht. ENTWEDER Butter ODER Marmelade. Eine Stunde später kommen zwei kleine Schnittchen mit ein bisschen Marmelade und einem Apfel; dazu ein Gläschen Pulvermilch. Fast wie in Tibet. Dann bekomme ich das nächste Problem: Da ich verboten bekommen habe aufzustehen, kann ich natürlich auch nicht aufs WC. Die angebotene Bettflasche war mir viel zu klein (vielleicht für einen europäischen Säugling geeignet?), so ließ ich mir noch gestern Abend eine 2l-Wasserflasche von Aviram köpfen. Nun ist die Flasche aber fast voll. Doch jede Schwester, die ich darauf hinweise, bedeutet mir, dass sie dies jemand anderem sagen würde. Immer wieder das gleiche Spielchen, über mehr als zwei Stunden lang. Jetzt, jetzt da ich wirklich Hilfe bräuchte, hilft mir keiner. Inzwischen habe ich kapiert, dass das Krankenhaussystem hier ein Anderes als zu Hause ist: Hier wird es von den Familien getragen. Diese kochen für den »Patienten«, sie waschen und pflegen ihn und sie passen rund um die Uhr auf ihn auf. Solche Fälle wie mich wird es normalerweise in Nepal nicht geben und so sind die Schwestern es wohl nicht gewohnt, den Urin zu entsorgen. Letztlich erbarmt sich ein Sohn meines Zimmerkameraden und ich kann meinem angestauten Druck auf der Blase endlich freien Lauf lassen. Dann kommt das Mittagessen. Typisch nepalesisch, aber in der einfachsten und auch geschmacklosesten Art, die ich hier genossen habe. Was es am Abend gibt? »Das gleiche!« Und morgen Mittag? »Das gleiche« Und. Ich fühle mich an die Instant-Nudeln-Zeit in Tibet erinnert, diesmal eben nur mit geschmacklosem Reis, ein bisschen Soße mit Hühnchen, auf das ich sowieso gerne verzichte. Ich bestelle das Essen ab und hoffe auf Fernando. Dieser kommt dann auch um die Mittagszeit. Er kam erst nach Mitternacht von einer Kneipentour zurück und fand dann die Nachricht von Yorit und Aviram vor, dass ich im Hospital wäre. Er sei so schockiert gewesen, dass er bis ins Morgengrauen nicht schlafen konnte. Nun hat er mein Hotelzimmer geräumt und mir auch ein paar frische Klamotten mitgebracht. Mensch, was würde ich nur ohne ihn machen? Ich finde es toll, dass er sich so für mich einsetzt, obwohl er mich doch erst seit ein paar Wochen kennt. Und er hat ja auch andere Pläne. Fernando fragt mich, was mein Zimmergenosse habe. Nach längerem überlegen fällt es mir wieder ein: Meningitis. Was? Das sei ansteckend. Bloß raus hier! So erkundigt er sich nach einem Einzelzimmer für mich. Ich habe Glück, in zwei Stunden wird eines frei. Ein bisschen schade ist es auch, denn die Familie war sehr nett und hat auch versucht, mit mir zu kommunizieren. Aber im Einzelzimmer ist es leiser und auch etwas sauberer, auch wenn uns gleich – neben den unzähligen Ameisen – ein paar Kakerlaken auffallen. Und das mit der »Ruhe« ist auch relativ. Immer wieder kommen Leute in mein Zimmer rein, die in mein Bad gehen. Meist füllen sie nur ihre Wasserbehälter wieder auf. Das nehme ich dann auch als gegeben hin. Mehr stört mich, dass nur die Wenigsten auf die Idee kommen, hinter sich die Tür auch wieder zuschließen. So ist meine Tür halt auch ständig wieder auf. Fernando besorgt mir was Gescheites zu essen. In der Zwischenzeit kommt der Schweizer Christophe. Die (zu) harte Arbeit hat ihn krank gemacht. Nun nimmt er sich ca. ein halbes Jahr Auszeit, um sich neu orientieren zu können. Er wollte mich heute in meinem Hotel besuchen kommen, hörte dort aber, dass ich im Hospital sei. Kaum später kommt noch ein mir bekanntes Gesicht zur Tür herein: Nein, das ist doch Gurung, der Türsteher meines Hotels, der den ganzen Tag den Kasper spielen muss – den Leuten die Tür aufhalten (als könnten sie das nicht selbst!) und immer wieder die selben Sprüche los lassen:»Namaste, Sir«, »How are you today?«. Er hat alle Neuigkeiten von mir natürlich direkt im Hotel gehört und ist nach Dienstschluss sofort ab hierher ins Krankenhaus. Wahnsinn! Dann fragt er mich, ob heute Nacht schon jemand hier schlafen würde. Nein. Wenn ich nichts dagegen habe, würde er dies heute Nacht tun! Auf der steinharten Bank, die da im Eck steht? »No problem«! Was es noch für überraschungen gibt! Aber für einen Nepali ist es einfach eine Schreckensvorstellung, nachts ALLEINE im Krankenhaus übernachten zu müssen. Wahrscheinlich ist die Art und Weise eines Krankenhausaufenthaltes wie hier in Nepal auch viel humaner als bei uns: Seine »Liebsten« sind um einen und man kann Sorge, Freud und Leid miteinander teilen. Gurung kommt tatsächlich am Abend wieder, zeigt mir ein paar Fotos von seinen anderen »westlichen« Freunden, die er auch über seine Arbeit im Hotel kennen gelernt hat und er bringt mir ein englischsprachiges Buch mit, damit ich was zu lesen habe. Morgens muss er dann kurz nach 5:00 Uhr aufstehen, damit er seinen Dienst um 6:00 Uhr antreten kann.