12. September

In der Nacht wache ich auf. Nein, NICHT schweißgebadet! Sondern: Mir ist KALT! Air-Condition macht‹s möglich. Da es im Süden Thailands aber meist keine Bettdecken gibt (hier ist es GANZJäHRIG warm bis heiß!),ziehe ich meine lange Hose an und wickle mich mit dem Badetuch ein. Am Morgen will ich noch einen – scheinbar in der Nähe gelegenen – echten »Schwimmenden Markt« anschauen. Jeden Morgen sollen zwischen 8 und 12 Uhr Hunderte alter Frauen in winzigen Kanus ihre Waren anbieten. Hauptsächlich Gemüse, Früchte und Fleisch, aber auch allgemeine Haushaltsartikel, Kosmetika und sogar schwimmende Garküchen sollen durch die engen Klongs gepaddelt werden. Leider finde ich ihn aber nicht. Englisch versteht hier fast niemand mehr. Die Vertrautheit mit den fremden Sprachen hat mit der so schnell voranschreitenden Modernisierung nicht Schritt gehalten. Darum nehme ich mir vor, in meinen »Esspausen« auch immer ein paar Worte »Thai« zu lernen. So fahre ich halt weiter, ohne einen der letzten echten »Floating Markets« gesehen zu haben. Bald tauchen im Hintergrund die ersten Hügel auf, aber die Straße bleibt total flach. Dafür ist es heiß und der Schweiß fließt dementsprechend. Der Straßenbelag bleibt gut, die Autofahrer freundlich, die Landschaft sattgrün und es zeigen sich immer wieder sowohl Wellblechhütten als auch die einfachen und netten ursprünglichen »Thai-Häuser«. Dann komme ich nach Phetchaburi, einer Stadt mit unglaublich vielen Tempeln. Ich schaue mir den »Khao Wang« (»Palast auf dem Hügel«) an. Dieser neoklassizistische Komplex wurde von König Rama IV im 19. Jahrhundert als Sommerresidenz errichtet. Ich lasse mein Rad bei Mr. Lee, in dessen kleinen Geschäft ich gerade eingekauft und mich anschließend mit ihm unterhalten habe. Von hier gehe ich zu Fuß hinauf. Es lohnt sich, denn es bieten sich wahrlich schöne Ausblicke: Auf der einen Seite kann ich bis zum Meer schauen, auf der anderen über die grünen Reisfelder bis zur Hügelkette. Nur 5 km weiter beginnt ein echter Monsunregen. Mir bleibt nichts Anderes übrig, als wieder zu pausieren. Ich kann mich bei einer Autowerkstätte unterstellen. Es schüttet und schüttet. Als der Regen dann wenigstens stark nachlässt, fahre ich weiter. Die Straße nimmt einen interessanten Verlauf: Denn von links nähert sich das Meer, von rechts die Hügel. Die letzten km bis zum Badeort Cha-Am fahre ich in der hereinbrechenden Nacht, was aber kein Problem ist, da es hier sogar Straßenbeleuchtung gibt! Im Ort selbst werde ich dann von einem auf seinem Motorrad für ein Hotel werbenden Mann angesprochen. Wir verhandeln den Preis und schon habe ich wieder ein tolles Zimmer mit Air-Condition !Ich habe großen Hunger und gehe darum auf die Straße. Aber hier gibt es nicht mehr wie in Bangkok westliches Essen, hier finde ich nur gekochtes Fleisch und frittierten Fisch vor. Noch nie habe ich Fleisch besonders gern gegessen, aber seitdem ich gesehen habe, wie es im Osten Asiens zubereitet wird (hängt stunden-, tagelang in der prallen Sonne, eine Unmenge Fliegen umkreisen es, Knochen werden mit dem normalen Beil durchtrennt etc. ), ist mir der Appetit auf Fleisch völlig vergangen. Dazu kommt, dass ich gerade in den letzten Wochen besonders häufig darüber nachgedacht habe, ob wir Menschen überhaupt das Recht haben, Tiere zu töten und zu verspeisen. Dann meine ich, Frühlingsrollen entdeckt zu haben und frage noch: »No meat?« Bestätigendes Kopfnicken. Aber ich müsste langsam wissen, dass dies in Asien NICHTS bedeutet, denn die Asiaten sind freundliche Leute und werden immer bestätigen und nie verneinen. Und ich habe Pech gehabt: Die vermeintliche Frühlingsrolle ist frittiertes Schweinefleisch. Ich ziehe weiter und entdecke einen kleinen Internetshop. Klasse, da kann ich eine kleine Meldung nach Hause senden, dass mein Bein »hält« und ich mich wohl fühle. Der hiesige Betreiber ist ein Holländer. Das Mailen klappt nicht richtig. Den Holländer lässt das aber kalt. Zudem riecht er stark nach Bier und Zigaretten und geht mir dadurch ziemlich auf die Nerven. Dann hilft er mir aber noch insofern, dass ich wenigstens EINE Email an eine Adresse schicken kann. Immerhin diejenigen, die so richtig um mich bangen, sind beruhigt. Als ich gehen will, fragt er mich, welches Bier ich denn trinken möchte. Ich antworte, dass mir das Bier in Thailand zu teuer sei. »Kein Problem«, es sei sein Pub. So trinken wir »Heineken«. Sein Name ist Mart. Er hat vor neun Jahren eine thailändische Frau geheiratet und ist nach einem Jahr mit ihr in Holland vor acht Jahren hierher gezogen – nachdem er ALLES zu Hause verkauft hatte. Er erzählt mir von den Problemen in Thailand. Ja, die Touristen sehen nur die eine (schöne) Seite der Medaille hier. Finanziell ginge es den meisten Thais schlecht, viele wüssten heute nicht, ob sie morgen genügend zum Essen haben, viele könnten sich keinen Arzt leisten etc. Dafür gibt es ein paar wenige »Superreiche«. Diese Probleme habe ich in den letzten Monaten ja schon zuhauf mitbekommen, aber sicher ist es noch mal ein Unterschied, ob man nur ein (Durch)Reisender ist oder jemand, der hier bis zu seinem Tod lebt! Ja, Asien habe eine schwere Zeit. überall ginge jetzt mitten in der wirtschaftlichen Krise große Angst vor der ungewissen Zukunft um. Die lächelnden Gesichter seien nur Fassade. Dann kommt er noch zu einem »erfreulicheren« Thema: Seit drei Jahren träume er davon, mit dem Auto von Holland nach Thailand zu fahren. Nächsten April sei es nun soweit! In drei bis vier Monaten will er es zusammen mit seiner Frau und einen Freund schaffen. Mercedes und Shell tragen einen Grossteil der Unkosten. Er verspricht mir, mich per E-Mail über seine Tour zu informieren.