15. Dezember

Tatsächlich früh wach. Gleich raus, wie ist der Wind? Mist, er wird dir genau auf die Nase wehen. Und zwar kräftig. Wenigstens hat es wirklich gut abgekühlt. Das Quecksilber soll heute selbst zur Mittagszeit nicht viel mehr als 30° C anzeigen. Ein letztes gemütliches Frühstück mit den Schweizern. Schon wieder lustig. Gleich werde ich sie vermissen, wenn ich wieder einsam durchs Outback radeln werde. Davor aber noch ein herzlicher Abschied, vielleicht sehen wir uns an Silvester in Melbourne wieder. Um 8 Uhr gehe ich dann auf die »Königsetappe« meiner Weltumradelung. Ich habe Storys gehört, dass auf dieser Etappe »gesiebt« wird. Radler seien erschöpft oder dehydriert einfach vom Rad gefallen. Das nächste Roadhouse gibt es erst in 253 km. Und der starke Wind bremst mich runter, trotz großer Anstrengung komme ich in der ersten Stunde nicht einmal 17 km weit. Und das geht weiter so. An anderen Tagen hätte ich über diesen Wind geflucht, aber heute ist er mir fast egal, ich nehme ihn einfach hin. Das liegt aber nicht daran, dass ich weiser geworden wäre. Nein, ich bin einfach in Gedanken nicht auf dem Rad, sondern bei den in Coober Pedy getroffenen Leuten, die sich nun in dem von mir so ausgiebig besuchten und lieb gewonnenen »red centre« befinden. Wie gerne nur wäre ich jetzt auch dort?! Die Schweizer wollten mich mitnehmen, wäre bestimmt genial geworden. Scheiß Vernunft! Statt Quälerei auf dem Rad könnte ich viel Spaß mit tollen Leuten haben. Es ist nicht einfach, mit solch melancholischen Gedanken durch diese einsame Gegend zu radeln. Keine Ablenkung, man ist sich und den Zuckungen seines Gehirns wehrlos ausgeliefert. Aber vielleicht ist es gut so. Die zweieinhalb Tage in Coober Pedy müssen sowieso verarbeitet werden. So viele interessante und mir sympathische Leute wie dort habe ich nirgendwo auf meiner Reise getroffen. Und manche waren mir schon nach wenigen Stunden richtig vertraut. Und dann trennen sich die Wege halt wieder. Für mich Alleinreisenden wirklich hart. Stetig nährt sich das Eichhörnchen. Obwohl ich gegen den starken Wind kaum ankomme, geht es dennoch voran. Nach 100 km tauchen auch abschnittsweise wieder Sträucher und die mich schon so lange begleitenden »Krüppelbäumchen« wieder auf. Meine Tageshighlights sind die zwei »rest areas« bei km 91 und 169. Dort gibt es auch Wassertanks, meine Flüssigkeitsversorgung ist garantiert. Der starke Wind lässt einfach nicht nach, selbst ein Autofahrer klagt mir, dass er statt der sonst üblichen 105, heute nur 90 km/h schnell fahren könne. Die Sonne brennt auch, dennoch wird es nicht unerträglich heiß. Ich wundere mich, dass ich trotz dieser extremen Bedingungen sowie dem großen Schlafdefizit und Bierüberschuss aus den vergangenen Tagen nicht »eingehe«. Immer weiter geht‹s. Nach 190 km ist es dunkel. Das Verkehrsaufkommen ist nun stärker als am Tag.