15. Oktober

Alles passiert heute etwas später. Aber ich habe ja Zeit, mein Flieger geht erst am Abend und allzu viel habe ich heute nicht mehr vor. Nach dem Auschecken aus dem Hotel gehe ich in die »National Art Gallery Singapore«. Mein Rad und mein Gepäck werden wieder von der Security in der Empfangsloge bewacht. Zur Zeit gibt es hier gerade drei verschiedene Ausstellungen. Alles moderne Kunst – hauptsächlich südostasiatischer Künstler – der zweiten Hälfte dieses Jahrhunderts. Neben Malerei (öl, Aquarell, Tusche; v. a. Selbstporträts, die Aussagen über das »Faszinosum Mensch« machen wollen) und Fotografie gibt es auch zur eigenen Aktion herausfordernde Ausstellungsgegenstände. Beim folgenden Emailen erfahre ich, dass Barry inzwischen auch wohlbehalten in Singapore angekommen ist und mich gestern versucht hat, telefonisch zu erreichen, um mit mir am Abend noch mal wegzugehen. Im Hotel hat mir das aber niemand ausgerichtet. Wäre wohl auch ein Wunder in diesem billigen Massenabfertigungsbetrieb. Dennoch schade. Fahre noch ein bisschen kreuz und quer über die Insel, u. a. zum Aussichtsberg der Stadt, dem Mt. Faber. Dann will ich noch auf die von der Tourismuswerbung so angepriesene kleine (Freizeit- und Erholungs-)Insel »Sentosa«. Aber ich müsste schon, um sie überhaupt betreten zu dürfen, mehr Geld bezahlen als ich überhaupt noch habe. So komme ich wenigstens frühzeitig am Flughafen an. Meine Fluggesellschaft erlaubt aber nur 20 kg Freigepäck, inklusive Rad! So lade ich die schweren, kleinen Teile alle in meinen Rucksack, den ich mit in den Flieger nehme. Zudem verspeise ich noch meinen übrigen Proviant. So komme ich dann noch auf genau 19,9 kg Gepäck. Im Flieger lasse ich mir gute Musik auf die Ohren dröhnen, genieße das Bier zum Abendessen und – als Einstimmung auf das bald folgende Wüstenabenteuer – Bilder von Australien auf der Leinwand. Schon recht bald nach dem Start müssen wir über den äquator geflogen sein, niemand teilt das aber mit. Für mich dennoch was Besonderes: Zum ersten Mal befinde ich mich nun auf der südlichen Erdhalbkugel! Die Immigration Office in Jakarta am Flughafen macht ein bisschen Probleme. Da ich kein Flugticket raus aus dem Land vorweisen kann, dürfte ich offiziell gar keine Einreisegenehmigung bekommen. Ich werde in ein Büro abkommandiert. Wieder die gleichen Fragen und die gleichen Antworten, dass ich eben mit dem Rad unterwegs bin und nicht genau weiß, ob ich nun in 21 oder 24 Tagen Indonesien – von Bali aus – Richtung Australien verlassen werde. Auf einmal wird des Beamten bisher so verspanntes Gesicht immer freundlicher. Er erkundigt sich über meine bisher gemachten Erfahrungen, wünscht mir einen guten Aufenthalt in Indonesien und füllt mir so nebenbei auch die Aufenthaltsgenehmigung aus. Am Flughafen werde ich dann schon von Peter Ohler abgeholt. Zum ersten Mal seit Frankenthal begegne ich »äem eschde Pälzer«, herrlich! Bis ins Zentrum der Stadt sind es über 30 km, mit dem Rad wäre das in der Dunkelheit nichts gewesen. Zudem habe ich noch kein indonesisches Geld. So bin ich Peter sehr dankbar, dass er mich hier abgeholt hat. Zumindest in der Dunkelheit macht Jakarta nicht unbedingt den Eindruckeiner »armen Stadt«. Wie in den letzten großen Metropolen, so sieht man auch hier viele moderne Hochhäuser und sonstige Anzeichen von »Wohlstand«. Dann kommen wir aber auch an Slums vorbei und Peter erzählt mir, dass der Slumgürtel um die Stadt seit der Wirtschaftskrise wieder wächst. Bei Ohlers kann ich dann mein feudalstes Zimmer auf meiner Reise beziehen. Gross, sauber, mit Klimaanlage. Dazu ein schönes Bad. Wir plaudern dann am Abend beim ersten indonesischen Bier noch eine Weile. U. a. bekomme ich erste Infos über Jakarta und Indonesien.