16. Mai

Kenan und ich nehmen gemeinsam ein typisches türkisches Frühstück ein: Es besteht aus Tee, Weißbrot, Butter, Honig, Oliven, Tomaten, Schafskäse, Ei und Joghurt. Seine Frau sowie die Tochter halten sich im Hintergrund. Sie richten nur alles her und bedienen uns sofort, wenn etwas fehlt. Wie passt das dazu, dass ich in meinem Reiseführer gelesen habe, dass wir es in der Türkei nur dem äußeren Anschein nach mit einer Männergesellschaft zu tun haben? Innerhalb der Familie aber hätten die Frauen meist mehr zu sagen: ältere Schwestern und vor allem ältere Mütter genössen großes Ansehen und nähmen Einfluss auf alle wichtigen Familienentscheidungen. Bestätigen kann ich allerdings, dass der Mann seiner Frau in der Regel mit großer Achtung und Zurückhaltung begegnet. übrigens werden in der islamischen Türkei auch heute noch über zwei Drittel der Ehen von den Eltern arrangiert. Dabei muss man wissen, dass eine Ehe in der Türkei meist weniger ein Bund zwischen Mann und Frau als zwischen zwei Familien ist. Ingesamt ist die Stellung der Frau in der türkischen Gesellschaft der des Mannes immer noch untergeordnet. Dies ist weniger vor dem Gesetz so. Denn schon der für die Türkei so wichtige Staatsmann Atatürk hat bereits in seiner Reformperiode (1929-1938) neben vielen anderen umwälzenden Reformen (u. a. Trennung von Staat und islamischer Religion) auch die gesetzliche Gleichstellung der Frau erreicht. Aber Tradition und Religion lassen eine öffnung zu den westlichen Werten (z. B. Emanzipation) nur schrittweise zu. Hier gibt es sicher auch ein starkes West-Ost- sowie Stadt-Land-Gefälle. Vorsichtig versucht mich Kenan in eine weitere heikle Thematik einzuweihen: Ich solle doch besser nicht mit dem Rad Richtung Iran fahren. Kurdenproblematik, PKK, etc. Kenne ich das Thema nicht schon ausführlich? Auch in Deutschland weiß man, dass die Kurden ein indogermanisches Volk sind, das sich heute auf hauptsächlich fünf Staaten im »Nahen Osten« verteilt. Die Hälfte (auf ca. zehn Millionen geschätzt) davon lebt in der Osttürkei. Die Kurden wollen einen eigenen Staat, was die Türkei entschieden ablehnt. 1991 wurde immerhin die Existenz der Kurden offiziell anerkannt. Aber seit dem Beginn der bewaffneten Auseinandersetzungen zwischen den für ein unabhängiges Kurdistan kämpfenden Guerillaeinheiten der PKK (Partiya Karkeren Kurdistan) im Jahre 1984 sind in der Türkei mindestens 20 000 Menschen v. a. unter der Zivilbevölkerung umgekommen. Zahlreiche Dörfer in den Bergen Kurdistans wurden zwangsweise umgesiedelt, um Stützpunkte der PKK zu zerstören. Eine politische Lösung ist immer noch nicht in Sicht, weiterhin setzt die Regierung auf das hier allzeit präsente Militär und es herrscht immer noch der Ausnahmezustand. Täglich gibt es weitere Tote zu beklagen. Das nicht gelöste Kurdenproblem hindert die Türkei in seiner Entwicklung sehr stark (siehe z. B. die kürzliche Ablehnung als Aufnahme der Türkei unter die EU-Kandidaten). Kenan schlägt mir so jedenfalls vor, eine Weile hier (an der »sicheren« Schwarzmeerküste) zu bleiben, von hier ein paar Tagesausflüge zu machen und mich dann mit den Zeitungswagen (s. o.) bis an die iranische Grenze verschicken zu lassen. Da ich spüre, dass es Kenan äußerst herzlich mit mir meint und er auch weiß, wovon er spricht, nehme ich seinen Vorschlag an und besuche heute Sumela, ein byzantinisches Kloster in den Zigana-Bergen. Es ist umgeben von dunklen Tannenwäldern und scheint senkrecht an einer Felswand zu kleben. Seine Anfänge gehen auf das 6. Jahrhundert zurück. Die von weither erkennbare steinerne Fassade Sumelas stammt erst aus dem vorigen Jahrhundert. Weitaus älter sind die im Inneren gelegene Kirche, mehrere Kapellen sowie Mönchszellen. Oben am Kloster erlebe ich ein gewaltiges Gewitter, es herrscht eine tolle Atmosphäre. Leider geht mir gerade jetzt der Film aus. Aber insgesamt bin ich von dieser angeblichen größten Attraktion der Schwarzmeerküste doch ein bisschen enttäuscht. Außer Touristen (treffe u. a. einen Jura-Professor aus Freiburg) wird nicht allzu viel geboten. Das Kloster selbst ist recht klein und für mich nicht allzu aussagekräftig. Aber die Landschaft (hohe Berge, tiefe Schluchten) sowie die vielen freundlichen Menschen, die alle auf ihrem Wochenendausflug sind und mich immer wieder zum Picknick einladen, »entschädigen« mich vollends. Auf dem Rückweg suche ich den Busbahnhof, wo ich meinen Radhelm erhoffe. Dies wird zu einem eigenen Abenteuer: Ich gerate ausschließlich nur an Menschen, die kein, aber auch gar kein Wort Englisch können. Dennoch gelingt es mir mit einer wahren Pantomimemeisterleistung, einem Mann klar zu machen, dass ich meinen Helm am Busbahnhof suche. Wir freuen uns beide wie Schneekönige, als der Groschen tatsächlich fällt. Am Bahnhof selbst das gleiche Spiel. Aber leider ohne Erfolg. So komme ich erst in der Dunkelheit in »mein« Dorf zurück und werde darum bereits von einigen mit Bus und Rad gesucht. Sie sind froh, dass ich wohlbehalten wieder da bin.