16. September

Um nicht die 14 km bis zur Hauptstraße zurückfahren zu müssen, will ich direkt an der Küste entlang fahren. Außerdem hoffe ich, noch etwas mehr das »typische Thailand« zu entdecken. Auch hier herrliche Straßen, wenig Verkehr und fast noch freundlichere Menschen als sowieso schon in den letzten Tagen. Geniales Gefühl! Dann eine große Kreuzung. Ich frage nach der Richtung. Aber sie verstehen nicht, was ich meine und nicken nur zu jeder von mir »angebotenen« Richtung. Prompt fahre ich falsch, die Straße endet plötzlich im nichts. Etwas »sauer« fahre ich zurück. Aber die Thais lächeln mich nur an und da kann ich ihnen einfach nicht böse sein. Ja, gerade in diesem Punkt kann ich, der ich leider oft zu emotional bin, von ihnen lernen: Lächeln nicht nur zur Erheiterung oder um Dank zu sagen, sondern auch um sich zu entschuldigen, um Unsicherheit und Verlegenheit zu überspielen und nicht zuletzt, um seinen Gegenüber »sein Gesicht wahren zu lassen«. Ein Polizist führt mich dann auch zurück auf den richtigen Weg. über mehrere km begleitet er mich dazu mit seinem Motorrad. Inzwischen habe ich den 11. Breitengrad passiert – aber immer noch kann ich keinen tropischen Regenwald sehen. Das liegt aber weniger an der geographischen Breite, sondern an der beängstigend fortschreitenden Rodung des hiesigen Regenwaldes. Waren vor 50 Jahren noch ca. 80 Prozent der Landfläche mit Wald bedeckt, vor 13 Jahren noch gut 50 Prozent, so sind es heute nur noch rund 10 Prozent! Alles – auch die Zukunft aller Erdenbewohner – wird dem Profit untergeordnet. Japan, Europa und die U.S.A. nehmen 97 Prozent aller Tropenholzexporte auf und das für nur 20 Prozent der Menschheit! Wir wissen es (schon lange), aber wir ändern es nicht. Erst wenn es zu spät ist??? Hier – abseits der Hauptstraße – ist alles noch »natürlicher« (nicht im gerade gedachten Sinn!). Die Menschen, die Häuser, die Strände. Mal begleitet mich ein Motorradfahrer, mal der örtliche Schulbus mit all den winkenden Kindern. Während eines starken Regenschauers finde ich Unterschlupf bei einer älteren Frau. Ihre Freundinnen müssen über mich (so was haben sie wohl noch nie gesehen) grinsen. Die Hügel werden länger und zeitweise auch steiler. Dann muss ich eine Abzweigung verpasst haben, denn ich komme zurück auf die Hauptstraße. Statt besinnlicher Ruhe wieder starkes Verkehrsaufkommen. Ankunft in Chumphon, immerhin 130 km heute. Mein Bein scheint sich zusehends zu stabilisieren. Ich sehe die ersten »Weißen« seit Bangkok. Aber hier treten sie gleich wieder in einer Vielzahl auf. Mein erster Telefonanruf zu Hause seit über zwei Monaten. Meine Mutter hat Geburtstag. Nettes Gespräch mit der gerade komplett zu Hause versammelten Familie. Im Zentrum der Stadt finde ich dann tolle Essstände auf der Straße. Salziges UND Süßes bieten mir im Wechsel Gaumenfreuden. Ich bin super drauf, schlendere pfeifend durch die Stadt. Habe ich schon was von den Thais gelernt? Von ihrem ständigen Streben nach Harmonie und Konfliktvermeidung, vom Ideal des »Ruhigbleibens« und »nicht Explodierens«? Ich weiß es nicht, aber zumindest bin ich in Thailand meist ausgeglichen und gelassen. Ab zum Hafen: Von hier soll mich die Nachtfähre auf die viele so begeisternde Insel Koh Tao bringen. Am Hafen bin ich dann überrascht: Nur eine kleine, schmuddlige Fähre mit viel Frachtgut und nur wenigen Menschen. Auch zwei Deutsche auf Südostasienreise sind da. Einer von ihnen, Daniel, erzählt mir einiges vom aktuellen Weltgeschehen. Hört sich eher pessimistisch an. Ein paar interessante Schweden, die – für Skandinavier auf Reisen scheinbar obligatorisch – einige Bier zischen sowie laut feiernde Australier sind auch noch da. Die Touristenwelt hat mich wieder.