17. Dezember

Frühstück im Roadhouse. Jetzt sehe ich den Nachteil eines 24 Stunden geöffneten Restaurants. Zwei stockbesoffene Leute. Einer rülpst ständig laut, der Andere brabbelt unaufhörlich für mich nicht nachvollziehbare Dinge vor sich hin. Gegen halb neun starte ich zu meinen letzten 171 km bis zum Meer. Damit wäre die Kontinentaldurchquerung Australiens vollbracht. Die Bedingungen sind günstig. Nur minimaler Wind von vorne und starke Bewölkung. Entsprechend herrschen kühle Temperaturen – für australische Verhältnisse. Der Verkehr wird spürbar stärker. Auch hektischer. Ein paar Autos fahren nur knapp an mir vorbei. Aber daran werde ich mich wieder gewöhnen. Dafür winken mir heute mehr Autofahrer, als ich das im Outback gewohnt bin, zu. Als wüssten sie, dass ich heute auf der letzten Etappe eines für mich bedeutenden Abschnitts bin. Es rollt gut. Brauche keine Pausen. Dann aber doch ein Problem. Die für nach 70 km vom Tankstellenbesitzer angekündigte Wasserstelle kommt nicht. Was tun? Erst mal weiterfahren, ich habe ja noch gut zwei Liter. Und im Notfall würde mir wohl auch ein Autofahrer weiterhelfen. Ständig wird man momentan sowieso von jedem gewarnt, genügend Wasser mitzuführen, da in den letzten Tagen zwei österreichische Radler bei einem Autoausflug nach einer Panne panisch das Auto verließen und einer von ihnen dehydrierte und starb. Zudem kam übrigens genau auf dieser Strecke vor einer Woche auch ein japanischer Radler ums Leben, als ihn ein Road Train erfasste. 50 km später finde ich dann wie aus heiterem Himmel tatsächlich eine Wasserstelle, gerade als sich mein Wasservorrat dem Ende zuneigt. Jetzt werde ich richtig euphorisch. Und so schnell wie seit Monaten nicht mehr. Alles geht spielerisch, ich verspüre keine Anstrengung mehr, die (Vor-)Freude auf das Erreichen eines großen Ziels überspielt alles. Die letzten Salzseen. Aber immer noch kein einziges Haus in Sicht, ich kann kaum glauben, dass ab Port Augusta mit einem Schlag die Zivilisation eintritt. Im Hintergrund taucht bereits die lang gezogene Hügelkette der »Flinders Ranges« auf. Dann kommt vom Meer her noch einmal ein starker Wind. So, als wolle das Outback mir noch ein letztes Mal seine Zähne zeigen und mir eine letzte Prüfung auferlegen. Aber wer von Darwin bis hierher kommt, den kann nun nichts mehr aufhalten. Um 16:30 Uhr ist das Wunder vollbracht, die Kontinentaldurchquerung Australiens ist geschafft und der Stuart-Highway hinter mich gebracht. Port Augusta, der Verkehrsknotenpunkt Australiens ist erreicht. Good-bye Outback, willkommen Zivilisation. Schnell finde ich ein Hotel mit Atmosphäre, das auch einen Backpackerteil hat. Jugendstil, richtig schön. Einen PC mit Internetanschluss gibt es auch im Städtchen. Diesmal funktioniert alles. Ich bin überwältigt von den vielen lieben Emails, die mir zum guten Teil zum Geburtstag geschrieben wurden. DANKE an alle! Zurück zum Hotel, ich werde von ein paar Leuten angesprochen. Ich verspreche ihnen, ein Bier mit ihnen zu trinken. Inzwischen ist aber Steve, gebürtiger Engländer und seit zwei Jahren in Melbourne lebend, in meinem 3-Betten- Zimmer. Er radelt auch, gibt mir ein paar Tipps für Neuseeland. Besser aber kennt er sich in der Pubszene Australiens aus. Hinweise für Adelaide und Melbourne nehme ich dankend entgegen. Nebenbei erzählt er mir auch, dass gestern die USA begonnen habe, den Irak zu bombardieren. Nur weil Bill Clinton Probleme mit Frauen hat? Jemand, der durch den »Nahen und Mittleren Osten« geradelt ist und diese so freundlichen und hilfsbereiten Menschen erlebt hat, die so gar nicht dem westlichen Klischee entsprochen haben, nimmt diese Nachricht sehr nachdenklich auf.