18. Dezember

Ruhetag. Ruhetag ist gut gesagt. Ein solcher Tag bedeutet für Tour-de-France-Fahrer zwei Stunden locker radeln, lange Massage- und sonstige Pflegetermine sowie viel schlafen und ruhen. Mein Tag sieht etwas anders aus. Zunächst stehen mal die Reiseberichte 37 und 38 an. Und in der örtlichen Bibliothek sind sie sehr entgegenkommend. Normalerweise wird es sehr strikt gehandhabt, dass man den PC nur eine Stunde nutzen darf, aber bei mir machen sie eine Ausnahme. Ich darf sechs Stunden ran. Danke! Also ausnutzen und schreiben. Immer noch mit der Einfingertippmethode. Dazwischen bringe ich mein Rad zum einzigen Radgeschäft der Stadt – etwas außerhalb. Auf dem Weg dorthin hält mich die Polizei an und weist mich darauf hin, dass ich einen Helm tragen müsse. Als sie außer Sichtweite sind, fahre ich dennoch weiter und – na klar – kurz darauf stoppen sie mich. Da ich Tourist sei, könnten sie mir keine Geldstrafe auferlegen, sondern müssten mich »arresten«. Ich zeige mich sehr erfreut und teile ihnen mit, dass ich schon immer mal ein Gefängnis von innen sehen wolle, es aber bisher noch nicht geschafft habe und so nur Eindrücke von TV-Filmen hätte. Ob ich denn auch Brot und Wasser bekäme? Eine solche Reaktion hatten sie natürlich nicht von mir erwartet. Ihr Muskelzucken blieb ebenso wirkungslos wie ihr Machtgehabe. Fast sprachlos lassen sie mich verdutzt weiterziehen. Im Radgeschäft kann dann das Wichtigste, mein gebrochenes Tretlager, nicht repariert werden. Wenigstens gibt es neue Pedale, einen Vorderreifen sowie ein neues Ritzelpaket mit Kette. In der Stadt herrscht Weihnachtsrummel – welch Kontrast zum Outback. überall läuft das gleiche Lied (»merry christmas and happy new year«), bald schon geht es mir auf den Keks. Viel hatte ich bisher von Weihnachtsvorbereitungen noch nicht mitbekommen. Gerade mal in den großen Supermärkten in Darwin und Alice. Dort gab es ein paar Weihnachtskekse und auch schon die entsprechende Dekoration. In Alice waren die Weihnachtsmännermützen gerade unter den Backpackern den Hit. Selbst an Badeseen hatten manche diese Mützchen auf. Einige Pubs am Weg hatten die für mich aus dem TV bekannte »U.S.- Weihnachtsdekoration«: Plastikbaum mit bunt leuchtenden Lämpchen und glitzerndem Baumschmuck. Hier in der Stadt gibt es aber in der Fußgängerzone einige Weihnachtsmänner, in der Post sind sogar die meisten Schalterbeamten »verkleidet«, z. B. als Santa Claus. Auf der Straße sehe ich einen vollbärtigen Alternativen mit altem Tourenrad und Gepäcktaschen. Ich spreche ihn an. Es ist Robert aus England. Er ist seit zehn Jahren unterwegs, durch Afrika, Asien und nun Australien. Wir verabreden uns für später. Zunächst muss ich noch ein Interview mit Radio RPR erledigen (leider war ich in Gedanken nicht richtig bei der Sache und konnte der sich sehr mühenden Marion Hermann kein gescheites Interview liefern; dachte noch zuviel an diesen »crazy guy from England«), ebenso wie den Rest meines 38. Reiseberichts. Dies besorge ich an einem traurig in der Ecke fest installierten und viele Dollar schluckenden PC im bereits stockdunklen und verlassenen Busbahnhof. Zurück zum Hotel, Robert ist nun auch hier. Ein ruhiger und sensibler Typ. Und ausgeglichen wirkt er. 37 Jahre ist er alt. In den letzten zehn Jahren war er nur vor vier Jahren mal für drei Monate in Europa, ansonsten nur in der »fernen Welt«. Und nun im Januar, soll damit Schluss sein. Von Adelaide aus will, soll er heimfliegen. Seine norwegische Freundin hat ihn schwer »bearbeitet«. Aber er versucht, es auch selbst als seinen richtigen Weg anzusehen. Denn das Reisen beherrscht er nun, es ist zur Routine geworden, keine Herausforderung mehr. Er spürt, dass er sich allein durch Reisen nicht mehr weiterentwickeln kann. Und er sieht es als Herausforderung an, sich an einem Ort niederzulassen, einem geregelten Beruf nachzugehen sowie Frau und Kinder zu haben. Dies alles sei viel schwieriger als von Darwin nach Port Augusta zu radeln, was er nun – nach gut zwei Monaten – auch geschafft hat. Ein Satz von ihm fasziniert mich besonders: Er wolle nicht unbedingt von den Taten sprechen, die er in den letzten zehn Jahren vollbracht hat, sondern lieber von dem, was er gelernt hat. Toll, es ist wohl auch an der Zeit, dass mir das auch mal wieder jemand sagt. Nicht, dass ich noch übermütig werde, nur weil ich ein paar km mit dem Rad gefahren bin. Ich erzähle ihm, dass es mir schwer fiel, in Asien auf Milchprodukte zu verzichten. Für ihn ist das eh nur Luxus. Sein Leben in der weiten Welt geht nun also zu Ende. Er resümiert es. Zwischen den Radlabschnitten hat er immer wieder gearbeitet, um Geld zu verdienen. Und wenn er mir von seinem Weg von Darwin hierher erzählt, komme ich mir vor, als hätte ich diese Strecke als Pauschalreisender zurückgelegt. Nie hat er in einem Roadhouse übernachtet, sondern immer im »Bush«. Im Zelt bzw. – wenn das zu warm war – nur im Moskitonetz. Das Essen hat er sich immer selbst zubereitet, im Norden blieb er auch ein paar Mal für einen Tag nur am Fluss, schaute sich den ganzen Tag nur den Ablauf der Natur an und fischte ein bisschen.