18. Mai

Im zur Zeit recht stark ausgeprägten Mondlicht ist die grandiose Landschaft schemenhaft zu erkennen. Dazu dudelt die passende Musik aus den Boxen meines doch sehr ruhigen Fahrers: Die im Osten der Türkei weit verbreitete Arabeske, eine Art volkstümliche Popmusik mit klagenden Melodien. Wir passieren die ersten 2000er Pässe meiner Tour. Im Morgengrauen erreichen wir Erzurum, das Zentrum des Ostens. Die Dreitausender ringsum sind noch alle schneebedeckt. Aber selbst in der 1950 m hohen Stadt ist es sehr kühl. Hier habe ich in ein anderes Zeitungsauto umzusteigen. Davor helfe ich noch, viele Zeitungsstapel zu verladen. So ist die Kälte zu ertragen. Zum Schlafen komme ich allerdings schon wieder einmal kaum. Auffallend sind die sich nun häufenden Nomadenzelte und v. a. die regelmäßigen Polizeikontrollen. Um 10:00 sind wir in Doubayazit, einer unwirtlichen Kleinstadt, nur 35 km von der iranischen Grenze entfernt. Der Wandel zu Trabzon ist extrem: Die Gegend erscheint sehr ärmlich, es werden fast gar keine Autos mehr gefahren, dementsprechend gehen die Leute auf der Straße spazieren. Aber WO ist die Freundlichkeit der übrigen Türkei?? Vielleicht bin ich zufällig an die falschen Leute geraten, aber hier werde ich nirgendwo zum Tee eingeladen, die Leute wollen mich als Touristen nur ausnehmen. Für Telefonkarten und alles andere werden Wucherpreise verlangt, bis ich mich rumdrehe und verabschiede. Dann kommen sie mir plötzlich hinterher gerannt. Ich fühle mich hier nicht wohl. Teilweise werde ich auch blöd angeschaut, was ich hier nur mache. Dabei habe ich extra lange Hosen an. Aber mit dem Rad einfach so durch die Gegend zu fahren, nein, das können viele nicht verstehen. Wie auch? Sie befinden sich im Bürgerkrieg! überall Angst! Auf dem Campingplatz, auf dem ich übernachten will, sollen um 17:00 die Schotten dicht gemacht werden. Danach werde es zu gefährlich. Ich will mailen, finde auch schnell etwas, aber zweimal stürzt mir der PC ab. Der zwielichtige Internet-Café-Betreiber will aber dennoch seinen kompletten, weit überhöhten Preis verlangen. Wir bekommen ärger, ich will die Polizei einschalten. Schließlich einigen wir uns doch noch. Aber mehr schlecht als recht. Und mir ist nicht wohl bei dem Gedanken, heute in der selben Stadt wie er zu übernachten. Aber um diese Zeit kann ich hier nicht mehr verschwinden. Wo bin ich da nur hingeraten? Diese vermaledeiten Grenzorte. Ich denke an alle mir lieben Menschen. Ich habe – was ich in diesem Ausmaß nicht für möglich gehalten habe – HEIMWEH! ICH FüHLE MICH ALLEIN WIE VIELLEICHT NOCH NIE IN MEINEM LEBEN! Niemand hier versteht mich, sie lachen stattdessen über mich oder wollen an mir verdienen. Sonst nichts! Enttäuschende Feststellung! Und WARUM soll ich wirklich meine Reise mit Gewalt fortsetzen??? Ich rufe meinen Vater an, sein Rat ist mir nun am meisten wert. Als er meint, dass er sowieso Angst um mich hat und sich riesig freut, wenn ich nun heimkomme, ist meine Entscheidung zu 98 Prozent gefallen. Heim zum Strohhutfest!! Ich erkundige mich nach dem nächsten Bus gen Westen. Morgen früh geht einer nach Ankara. Ich muss also hier übernachten. Ich fahre noch kurz aus der Stadt raus zum Fuß des 5165 m hoch gelegenen Ararat. Aber mich interessiert weder dessen Besteigung (obwohl ich ein wahrer Bergfanatiker bin), noch das nur sechs km entfernte Ishak Pasa Sarayi, eine angeblich einzigartige Mischung aus Burgfestung und orientalischem Lustschloss. Ich gehe in den Ort, zwei Döner Kebap essen. Zufällig (?) gerate ich in ein kurdisches Lokal. Die Leute erzählen mir von ihren Leiden mit der Türkei. Ja, jetzt höre ich alles mal von der anderen Seite. Viele wollen weg aus der Türkei. Ich komme um 17:15 zurück zum Campingplatz und: Tatsächlich ist er verschlossen. Mit Hilfe einiger Kinder komme ich dennoch hinein. Alles wird mehrmals verriegelt und verbarrikadiert. Allein die Eingangstür hat fünf Schlösser. Die Fenster sind alle vergittert. Der alte Campingplatzbesitzer (ist er nur übervorsichtig?) rät mir, sofort schlafen zu gehen. Er schließt von innen und von außen zu. Für 13 Stunden bin ich quasi gefangen. Ist dem Alten wenigstens zu trauen? Sicher bin ich mir nicht.