19. Oktober

Am Morgen laufe ich noch zu den (angeblich) interessantesten Punkten Bandungs. Schön finde ich sehr wenig. Mir fällt eher auf, dass Bandung eine schnell wachsende Stadt ist, mit all den daraus resultierenden Problemen. Ich versuche noch, mit meiner Kreditkarte Geld zu holen, da das vielleicht für längere Zeit die letzte Gelegenheit dazu ist. In den ersten Banken, die mir alle nicht helfen können, werde ich immer auf eine bestimmte Bank verwiesen, die ich dann auch ansteuere. Sie hat aber inzwischen Konkurs angemeldet. Nach langer Suche finde ich aber doch noch eine Bank, die mir Geld für meine Kreditkarte gibt, auch wenn die Prozedur wieder wesentlich länger dauert als in den zuletzt von mir besuchten Ländern. Beim Emailen (immer noch keine Nachricht aus Speyer!) treffe ich Bob aus Osnabrück. Er lebt bereits seit 40 Jahren in Indonesien und ist hier nun als Schriftsteller und Maler tätig. Er scheint mir ein ruhiger und bescheidener, vielleicht auch weiser Mann zu sein, der es bereut, nicht selbst eine solche Tour gemacht zu haben. Gerne hätte ich mich länger mit ihm unterhalten, aber ich muss weiter, der Tag ist schon stark fortgeschritten. Wir tauschen wenigstens noch die Email-Adressen. Raus aus Bandung. Wie kann man das beschreiben? Nicht wirklich möglich, man muss es erlebt haben. Da wird mir ständig die Vorfahrt genommen oder man bremst mich aus. Die Kleinbusse setzen sich einfach vor mich, um dann eine Vollbremsung hinzulegen, weil sie plötzlich anhalten. Ich lege zwangsläufig so auch eine Vollbremsung nach der anderen hin. Ich erinnere mich daran, dass sich der sonst so besonnene Südtiroler Tilmann Waldthaler, DIE Koryphäe unter allen noch lebenden Radreisenden, in Javas Verkehr nur noch zu helfen wusste, indem er sich Eier kaufte und er jedem, der zu nahe auffuhr oder ihn sonst belästigt hat, ein Ei auf die Windschutzscheibe knallte. Sie fahren auch völlig unberechenbar. du hast keine Ahnung auf welche Idee sie in der nächsten Sekunde kommen. Die mich überholenden Autos, Busse und Lkws halten vielleicht Abstände von 10 cm ein. Fast alle machen sie das so. Sind die alle besoffen und/oder haben sie keine Verkehrsregeln? Ich würde sie gerne allesamt in die Fahrschule schicken (gibt es so was hier überhaupt oder kann man sich den Führerschein hier tatsächlich im Kaufhaus kaufen?) Unsere formalen Straßenregeln, bei deren Nichtbeachtung eine Strafe droht, gelten hier wohl nicht. Es kontrolliert diesen Verkehr auch niemand. Wer sollte dies auch WIE tun? Java ist über viermal so dicht besiedelt wie das nicht gerade menschenleere Deutschland (nur 1/3 der Fläche, aber über 110 Millionen Einwohner!) und gehört damit zu den dichtest besiedelten Regionen der Erde. Aber das Straßennetz ist nicht entsprechend ausgebaut. So gilt eben nur ein informelles Regelsystem: Die kleinen und langsamen (sprich auch ich) haben die Bahn für die großen und schnellen frei zu machen. Stop and Go. Eine Stunde lang. Ich fluche. So entlädt sich wenigstens mein ärger. Nach über einer Stunde gabelt sich die Straße und das unselige Spiel findet sein (vorläufiges) Ende. Ich genieße es, atme auf und durch. In den Pausen lasse ich mir Zeit. Beim hier üblichen Essen (Reis mit Gemüse in irgend einer Variation) verständige ich mich mit ein paar Brocken Englisch und gestenreichen Artikulierungen mit den Einheimischen. Lustig, schön. Wie nett können diese Menschen, die mich eben beinahe noch über den Haufen gefahren hätten, doch sein! Ich schenke ihnen auch Zigaretten, die ich noch von Kuala Lumpur habe. Gleich sind alle noch herzlicher. Es ist den ganzen Tag über trüb. Gut, denn so sind die Temperaturen recht angenehm, schlecht, denn so kann ich die vielen hohen Berge und Vulkane der Region nicht sehen. An meinem Tagesziel (Tasi kmalaya) angekommen, mache ich erst mal eine »Stadtrundfahrt«, bis ich – mit Hilfe eines Einheimischen – ein für mich geeignetes Hotel finde. Für die in Kathmandu getroffene Beate aus Chemnitz soll ich hier für eine ortsansässige Familie, bei der sie sehr herzlich aufgenommen wurde, einen Brief sowie eine Finanzspritze abgeben. Leider ist nur die schon ältere Mutter zu Hause, die mich aber nicht bei sich alleine sehen will. Sie kennt mich ja nicht und die Sprachschwierigkeiten sind groß.