20. September

Letzter Tag auf Koh Pha Ngan. Höchste Zeit, die immer wieder für Crossbike- und Naturfreaks als DIE Traumstraße Südthailands angepriesene 13 km lange Piste von Ban Tai zum »Thong Naay Paan-Beach« unter die Räder zu nehmen. Ich bin vorgewarnt: Mit einer Motorcrossmaschine soll man zwei Stunden brauchen, das Motorradtaxi soll manchmal sogar bis zu einem halben Tag unterwegs sein. Einige Leute haben mir gesagt, dass das mit dem Rad »nicht zu machen« sei. Aber wer mich kennt, weiß ja, was solche Empfehlungen bei mir bewirken. Zum ersten Mal in meinem Leben leihe ich mir ein Rad aus, da ich dem meinigen diese angeblich mit Schlammlöchern übersäte, durch ihre Kurven sowie ihre Steigungs- und Gefällstrecken »gefährliche Fahrt« nicht antun will. Ohne, dass ich den Radverleiher danach gefragt hätte (ich wollte ihm verschweigen, wohin ich mit SEINEM Rad hinfahren wollte), empfiehlt er mir genau diese »Traumstrecke«, denn ich sähe »very strong« aus. Ach, ja daran hätte ich auch schon gedacht. Es geht noch recht gemächlich los. Auch der Schotterweg ist wesentlich besser, als ich dachte. Aber die Steigungen! Nur unwesentlich weniger steil als gestern, dafür länger. Immerhin geht es auf ca. 3 km von fast Meereshöhe bis auf 370 m hoch. Und das, obwohl es zwischendrin sogar ein paar mal flach wird oder sogar abwärts geht. Die Sonne brennt. Der in Strömen fließende Schweiß mischt sich mit dem Pistenstaub und der Sonnencreme zu einer klebrigen und sogar juckenden Masse. Mein Puls rast. Erster echter Test für das »Thrombosebein«. Was hatte der eine Arzt in Kathmandu gesagt? Sport frühestens zum Jahreswechsel wieder?. Es ist so steil, dass mein Vorderrad ständig droht, mich auszuheben, wenn ich im Sattel sitze und mein Hinterrad auf der sandigen Piste oft »durchdreht«, wegrutscht, wenn ich versuche, mich im Wiegetritt vorwärts zu bewegen. Dann die Abfahrt – wenn auch mit einigen Gegenanstiegen. Herrlich. Mein geliehenes Rad ist sehr stabil und hat eine gute Straßenlage. Ich kann es öfters sogar rollen lassen. An den steilen Passagen muss ich die Bremsen aber wieder bis zum Anschlag ziehen. Ich überhole Motorradfahrer. Nettes Gefühl. Dann erreiche ich den »Traumstrand«. Und der ist wirklich klasse: weißer, feiner Sand wird von Palmen, Klippen und Dschungelhügeln begrenzt. Und es sind überraschend wenig Leute hier. Wahrscheinlich ist die Anfahrt einfach zu »extrem«. Und die, die da sind, scheinen »gut drauf« zu sein. Keine »Abhänger«, aber auch keine »Stresser«. Hier will ich auch die Wormserin Claudia wieder treffen. Eigentlich hatten wir uns schon für vorgestern hier verabredet. Aber das Mailen hat mich erst mal im Hauptdorf gehalten. Und nun ist sie leider schon gestern wieder abgereist. Dafür begegne ich an dieser Bungalow-Anlage Uli und Christian, zwei thüringische Studenten auf siebenwöchiger Asienreise – von Laos bis Malaysia. Aus »einem schnellen gemeinsamen Milchshake« werden viereinhalb angenehme Stunden. Wir tauschen unsere Reiseerfahrungen aus (auch für sie war Koh Tao ein Schrecken und sie sind hierher »geflüchtet«, wo es ihnen nun auch gut gefällt), unterhalten uns über die Alltagsprobleme von ärzten (Christian ist am Ende seines Medizinstudiums) und Priestern (am Anfang Unerfahrenheit, später Desillusionierung und Abstumpfung), über die Körperweltenausstellung und vieles mehr. Da wir etwa zur selben Zeit auf der nordwestmalaysischen Insel »Penang« sein wollen, wollen wir versuchen, uns dort in gut einer Woche wieder zu treffen. Wäre schön, wenn es klappen würde. Dann ist es allerhöchste Zeit, aufzubrechen. Denn ich will auch noch zwei andere Strände sowie einen Wasserfall besuchen. Immer hoch und runter. Da es stark bewölkt ist und auch noch Nebel aufkommt, wird es früh dunkel. Dazu kommt, dass die hohen Bäume eh nicht viel Licht bis auf den Boden durchdringen lassen. Die Abfahrt wird zum Abenteuer. Christoph, WARUM musst du aber auch alles immer auf den letzten Drücker machen??? Mehrmals bin ich nicht weit von einem Sturz entfernt, kann mich aber immer noch »retten«. Es wird dunkler und dunkler, die Sonne ist sogar schon untergegangen. Und ausgerechnet heute habe ich kein Licht dabei. Aber extreme Situationen fordern mich halt irgendwie heraus. Meine Augen werden zu denen von Luchsen und das bisschen Licht (Licht kann man es eigentlich schon nicht mehr nennen.), das noch zu mir dringt, genügt, um noch heil zurückzukommen. Gott sei Dank! Letzter Abend im Hauptdorf. Nach dem Abendessen gehe ich aber bereits wieder, da im »Extra-Time« wieder nur ein Fußballspiel aus England übertragen wird. Jeden Tag dasselbe, Zeit zum »Weiterschauen«. Und hier habe ich jetzt sowieso jede Straße abgefahren. über 100 (größtenteils gebirgige) km. Mehr »Abenteuer-« als Asphaltstraßen, was wohl auch der Grund ist, dass der Massentourismus hier noch ausbleibt. Diese Insel ist nicht erschlossen genug. Und es besteht Hoffnung, dass dies so bleibt, da die Insel stark gebirgig und urwaldreich ist und somit eine Erschließung äußerst aufwendig wäre. Am Abend habe ich aus unerklärlichen Gründen ein wenig Angst. Bereits auf dem Weg durch den dunklen Wald zum Bungalow als später auch im Bungalow selbst, als ich bei allen Geräuschen erschrecke. Hat mich jetzt auch das »Lariam-Syndrom«, von dem mir so viele Traveller berichtet haben, erwischt? »Lariam« ist eben ein sehr starkes Malariapräparat mit etlichen Nebenwirkungen. Ich nehme zwar nur noch alle zwei Wochen eine Tablette (normal wöchentlich eine), da von Bangkok bis Bali Malaria sowieso so gut wie ausgerottet sein soll, aber vielleicht ist auch diese halbierte Dosis – über einen solch langen Zeitraum eingenommen – mit der Zeit zu viel für mich?