21. – 23. Dezember

Ich beschließe, ein paar Tage an einem Ort einzulegen. Zumal die einzig interessante Alternative »Kangaroo-Island« fast komplett ausgebucht und ziemlich überteuert ist. Es ist sowieso schon wieder einiges zu erledigen. Einige Besorgungen, unter anderem Ersatz für meine vor einigen Tagen verlorene Sonnenbrille, die Beantwortung wenigstens eines Teils der mich (im absolut positiven Sinne) überwältigenden Masse an postlagernd hierher geschickten Briefen sowie v. a. an Emails. Wäsche muss auch wieder gewaschen werden. An meinem Rad lasse ich das gebrochene Tretlager austauschen. Natürlich sind sie auch hier im Weihnachtsstress, also auf gut australisch »busy«. Wer zur Zeit nicht »busy« ist, ist nicht »in«. Man muss scheinbar in unserer westlichen Gesellschaft im Stress sein, ansonsten gilt man als Taugenichts und bekommt die soziale rote Karte gezeigt. Ist man aber im Stress, wird man also benötigt, dann ist man wichtig. Und akzeptiert, ja sogar geachtet. Der soziologische Teufelskreis einer kranken Gesellschaft? Aber im Radlgeschäft setzen sie mir immerhin ein neues Tretlager ein. Zunächst widerwillig. Aber als der Radladenbesitzer hört, woher ich mit dem Rad komme und v. a. , dass ich Australien von Darwin hierher gekreuzt habe, wird er immer netter, bis er sich vor Freundlichkeit fast überschlägt. Plötzlich bin ich halt auch jemand, der etwas geleistet hat und DADURCH Respekt verdient. Ein Tiroler Kumpel, Christian Socher, gibt mir nun die definitive Zusage, dass er sich in zwei Wochen mit mir in Neuseeland zum dortigen Radeln treffen will. Sehr schön! Es ist auch gleichzeitig der endgültige Anstoß, mich nun entschieden um meine weiteren Flugtickets zu kümmern. Ich hatte das schon in Darwin, Alice Springs und zuletzt in Port Augusta versucht. Doch nirgendwo kannten sie den Flugpass, der einen relativ preiswert von Australien über Neuseeland in die U.S.A. bringen soll. Ich hatte davon nun schon seit Nepal mehrmals von anderen Travellern gehört. . Aber auch in der Großstadt Adelaide weiß man in den Reisebüros damit nichts anzufangen. Die ersten Angebote erschrecken mich. Ob das mein schon schmal gewordener Geldbeutel noch verkraften kann? Ich komme auf die Idee, ein »Around-the-world-Ticket« zu kaufen. Dann gibt es aber Gott sei Dank noch eine Fluglinie, die »United Airlines«, die alle Flüge »one-way« tatsächlich billiger als »Retour«-Flüge anbietet. Da muss ich gleich zuschlagen und auch gleich noch den Flug nach Europa mitbuchen. Der einzige Haken ist, dass die Wunschdestination Paris nicht möglich ist. Nur Frankfurt und London kommen in Frage. Frankfurt kenne ich zur Genüge und zudem will mich noch eine Delegation (angeführt von meinem Vater, der mir das schon vor fast einem Jahr versprochen hatte) ein paar Tage auf dem Rad in Europa begleiten. Also London, wohl auch nicht schlecht. Alle Flüge stehen also, damit auch der Termin meiner Heimkehr (bis auf die weiterhin herrschende Unsicherheit mit Speyer), also können »Ankunftsfete« (13.03.) und Diafestival (21.03.) in Planung gehen. Somit sind alle »Pflichten« erledigt, ich kann mich zunehmend der Stadt widmen. Die interessanteste Frage bleibt für mich erst mal, wie man in der südlichen Hemisphäre in einem an sich christlichen Land mitten im Hochsommer die unmittelbaren Weihnachtsvorbereitungen trifft. Weihnachtsbäume begegnen mir nur ein paar in Plastiknatur, Weihnachtsmärkte fallen mir ebenso wenig wie Lebkuchen, Plätzchen und Glühwein auf. Bei letzterem wäre Eistee mit den entsprechenden Gewürzen angesichts der herrschenden Temperaturen wohl auch angebrachter. Weihnachtsschmuck bzw. -dekoration in den Straßen? Fast komplette Fehlanzeige. Was bleibt noch? Jugendliche, die in der Fußgängerzone Musik machen. Oft mit klassischen Instrumenten, v. a. Geige und Trompete. Leute, die mit Weihnachtsmännermützen rumlaufen, meist aber nur – wohl pflichtmäßig – auf der Arbeitsstelle, z. B. in Supermärkten oder Schnellimbissrestaurants. Manche Leute laufen auch richtig kostümiert rum, wie bei uns an Fasching. In meinem Backpacker gibt es z. B. auch eine Ausschreibung für die beste Kostümierung am »Christmas Day«. Ich sehe aber auch immer wieder eine bestimmte Organisation, die für die so genannte »Dritte-Welt-Länder« Geld sammelt. Vor den Kirchen hängen große Schilder mit Hinweisen auf die Gottesdienste an Heiligabend. Ja, und wie bei uns, die Leute stressen. In der Fußgängerzone muss man bei jedem Schritt genau aufpassen, wohin man tritt, dass man nicht über den Haufen gerannt wird. Aber die Leute hier wirken ein bisschen glücklicher als bei uns. überraschend viele lachen noch. Schön. Dazwischen blökt aus dem Lautsprecher eine Stimme, die einem das beste Geschenk zu Christmas anbieten will. Nebenan laute Musik. Zwischendrin gehe ich immer mal wieder in eine Kirche, um Ruhe zu haben. Vorne der leidende Jesus. Leidet er mit all den Gestressten mit? Oder bemitleidet er sie nur, weil wir Menschen nicht mehr den eigentlichen Sinn von Weihnachten verstehen? Ein Penner (= Sandler) läuft an mir vorbei. Er bräuchte Geld. Er sieht wirklich schäbig aus. Ich verneine mit der Begründung, dass ich selbst nicht viel Geld hätte. Kurz danach fühle ich mich mies, denn am Abend habe ich ja auch noch Geld für ein Bier. Christoph, es sieht so aus, dass du auch noch nicht viel von Weihnachten verstanden hast. Und was ist mit Adelaide, der Millionenstadt, nach Tausenden von km mit Menschenleere? überraschend klein und übersichtlich ist der Kern. Die Hauptstadt des Staates South Australia wurde eben von 1836 an planmäßig am Torrens River angelegt. Mit vielen Grünflächen. Zeitweise sogar idyllisch. Und kulturell? Da soll Adelaide ja das Zentrum Australiens sein. Ich besuche die »Art Gallery of South Australia«, in der von Landschaftsbildern des 17. Jahrhunderts bis zu einem Kunstwerk von Joseph Beuys vieles vertreten ist Interessant ist besonders eine internationale Fotoausstellung mit Schwarzweiß-Fotos aus der Zeit des »Kalten Krieges«. Ich schlendere entlang der »North Terrace«, Adelaides nobelster Straße, an der die meisten historischen Bauten stehen: Der elegante Bahnhof von 1929 ist nun aber ein Spielkasino. Die schöne Universität, das Government House sowie der Basaltbau des Ayers House (ehemalige Residenz des Premierministers) liegen auch hier. Eine Straße mit Cafés und Pubs gibt es auch, einige davon sind stil- und stimmungsvoll. Die Küche hier in der Großstadt ist wesentlich abwechslungsreicher als auf dem Land. Es gibt Restaurants beinahe aller asiatischer und europäischer Länder. Einer der Vorteile dieses Vielvölkerstaates, auch wenn Australien nach wie vor britisches übergewicht hat, das aber doch immer stärker abbröckelt. Am Abend? Die ersten Tage bin ich müde, gehe früh ins Bett. Viele Pubs machen auch hier extrem früh zu. Am 23.12. gehe ich in eine bestimmte Lokalität, die ich mir durch Lektüre in einem Stadtanzeiger ausgesucht habe. Echt klasse. Coole, friedliebende Leute, z. T. auch typische Freaks. Gemütlich ist es hier, auch recht düster (Mischung aus »Genesis« und »Loft«). Indie der 80er und 90er. Für mich auch ein bisschen viel Trance. Aber angesichts der lockeren Stimmung kann ich das auch gut ertragen. Zudem billiges Bier. Das erste seit den »Sauftagen« von Coober Pedy.