27. Juni

Beate weckt mich, sonst hätte ich wohl verschlafen. Vielleicht wäre dies aber heut besser gewesen? über eine schlechte Straße fahre ich im dichten Verkehr zum etwas außerhalb gelegenen Flughafen Kathmandus. Daniel ist schon hier. Wir checken ein, ich frage noch mal nach meinem Schlafsack. Der käme heute Nachmittag an und werde dann weiter nach Lhasa gesendet. Schön, auch wenn ich es noch nicht glauben kann. Denn mir ist auch schon viel Anderes in dieser Geschichte versprochen worden. Anschließend kurzes Frühstück mit Daniel, wobei die Preise hier ungefähr fünfmal so hoch wie in der Stadt sind. Dann wollen wir zum Flieger. Noch eine Viertelstunde bis zum Abflug. Eine letzte Kontrolle. Ich soll mein nepalesisches Visum zeigen. Kein Problem. Zumindest für mich. Leider aber doch eines für die Grenzbeamten. WO mein Einreisestempel für Nepal sei? Woher soll ich das wissen? Da fällt mir aber ein, dass ich an der indisch-nepalesischen Grenze gar nicht kontrolliert wurde. Kein Grenzer war da, ich dachte mir, dass dies zwischen Nepal und Indien scheinbar ähnlich sei wie auch schon lange an dem mir bestens vertrauten Grenzübergang zwischen Deutschland und Frankreich. Ohne mir Gedanken zu machen, fuhr ich also nach einer kurzen Rast an der Grenze weiter. Die Grenzer hier mustern meinen Pass. Die Zeit verstreicht. Noch gut fünf Minuten bis zum Abflug. Ich beginne, ungeduldig zu werden. Ich weise die Grenzer noch halbwegs freundlich, aber doch schon bestimmt, darauf hin, dass ich nun zum Flieger muss. Aber das interessiert sie nicht. Sie könnten mir nicht helfen. Ich solle morgen zur »Immigration Office« und mir da einen Stempel geben lassen. Als ich ihnen erkläre, dass mir dies aber nicht mehr reicht, da am Montag bereits mein chinesisches Visum abläuft, der nächste Flug aber erst am Dienstag geht und dieser Flieger meine letzte Gelegenheit ist, nach Tibet zu gelangen, teilen sie mir nur lapidar mit, dass das nicht ihr Problem sei. Danke, das hätte ich mir ja denken können. Ich erzähle ihnen, das ich als UNESCO-Botschafter unterwegs sei, oft hat das ja schon geholfen. Hier nicht. Was soll ich als Radfahrer denn anstellen? Meinen sie etwa, dass ich ein Massenmörder sei? Ich erkläre ihnen meine Gedanken beim überschreiten der indisch-nepalesischen Grenze. Nutzt alles nichts. Ich beginne, auf Deutsch zu fluchen, überschreite einfach die Grenze, was auch kein Problem ist. Aber auf der chinesischen Seite fragen sie mich, wo denn mein nepalesischer Ausreisestempel sei. Mir wird klar, dass ich heute nicht nach Lhasa komme. Gibt es dann überhaupt noch eine Möglichkeit? Wohl nicht. Enttäuscht werfe ich meinen Reisepass in die Ecke. Solche Emotionen sind für Asiaten aber besonders befremdlich. Mein Gepäck ist aber im Flieger. Das werde ich wohl nicht mehr bekommen können. Ich gebe Daniel meine Gepäckaufbewahrungsscheine mit. Er muntert mich auf, meint, dass es vielleicht doch noch eine Möglichkeit gäbe, dass ich nach Lhasa kommen könne. Er wolle auf mich warten. Genauso nett wie auch Solidaritätsbekundungen mancher Schaulustiger. Aber nutzen tun sie mir auch nicht. Betröppelt gehe ich zu meiner Fluggesellschaft, den »South-West-China-Airlines«. Sie wissen nicht, ob sie mir helfen können. Plötzlich kommt einer und meint, dass er jemanden kenne, der den fehlenden Stempel vielleicht ausstellen könne. Er verschwindet und kommt nach einer Weile wieder. Mit 100 Dollar ließe sich wohl was machen. Zähneknirschend willige ich ein. Er verschwindet wieder, bevor er mit einem Kumpel auftaucht. Den Flug nach Lhasa hätte er jetzt erst mal gestoppt, er würde nicht fliegen, bevor meine Sache geklärt sei. Ich muss lachen. Das stelle man sich erst mal in Europa vor. Ich zahle, er verschwindet wieder, bevor er mir bei seinem erneuten Erscheinen mitteilt, dass der Flug nun ganz gecancelt sei. Für heute. Warum, erfahre ich nicht. Am besten würden wir unsere Angelegenheiten morgen früh klären. Nun würden wir erst mal in ein 5-Sterne-Hotel gebracht. Ich treffe Daniel wieder. Lustig. Auch ein nettes deutsches Ehepaar, das alles mitbekommen hatte. Dann erst mal ein feudales Mittagessen. Anschließend fahre ich zum Flughafen, um meinen Schlafsack abzuholen. Aber wie blauäugig bin ich denn immer noch? Natürlich hatten mir die »Emirates« die falsche Uhrzeit angegeben, ich solle halt in eineinhalb Stunden wiederkommen. Ich will aber noch meine News in die Heimat senden, darum fahre ich zurück in die Stadt. Dafür rufe ich zur ausgemachten Uhrzeit wieder am Flughafen an, natürlich ist aber bereits geschlossen. An manchen Tagen scheint halt einfach (fast) alles schief zu gehen. Liebe Freunde, ich habe keine Ahnung, ob ich morgen über die Grenze komme. Wenn ich mich morgen nicht melde, könnt Ihr davon ausgehen, dass es doch noch geklappt hat. Wenn nicht, werde ich wohl eine ca. dreiwöchige Trekkingtour in Nepal oder Indien einlegen. Bis dann und: Lasst es Euch gut gehen!

Christoph