28. September

Gleich am Morgen zum Internet, das Ergebnis der Bundestagswahl abrufen. Doch eindeutigerer Ausgang als zuletzt angenommen. Passend höre ich im malaysischen Radio gerade den »Abgesang« auf Helmut Kohl, der im Ausland immerhin immer wieder als Staatsmann gepriesen wird, wohingegen Gerhard Schröder für die meisten doch ein Mann ohne Profil zu sein scheint. Auch wenn er mir unsympathisch ist, wünsche ich ihm, dass er mich eines Besseren belehren mag. Ich habe übrigens zum ersten Mal in meinem Leben nicht gewählt. Nicht weil ich weit weg war – dank Briefwahl ist das ja kein ernsthaftes Problem. Nein, ich habe einfach nicht gewusst, welche Partei ich auch nur halbwegs mit überzeugung wählen könnte. Wie hat es einer auf meiner Reise getroffenen Kumpels formuliert? »Dieses Jahr kannst du nur zwischen Pest und Cholera wählen«. Welche ist das geringere übel??? Noch einmal schaue ich mir die gestern Abend so beeindruckende »Pitt-Street« an. In der Dämmerung vermittelte sie aber doch eine noch interessantere Atmosphäre als zu der nun so geschäftigen Mittagsstunde. Mit dem Bus geht es raus aus der Stadt – zum »Kek Lok Si-Tempel«, eine der größten buddhistischen Anlagen in Südostasien. Die siebenstöckige und 50 m hohe Pagode, die von Teichen umgeben wird, erinnert allein schon von ihrer Farbgestaltung her ein bisschen an Disney-Land. Diese exotische »Pagode der 10 000 Buddhas« vereint im untersten Teil chinesische, im mittleren thailändische und im oberen Teil burmesische Stilelemente. Das Drumherum ist sehr touristisch und daher auch kommerziell ausgerichtet. Schade. In den nächsten Bus, denn ich will zum wieder einige Kilometer entfernten, 830 m hohen »Penang-Hill«. Plötzlich steigen zwei Typen ein, die ich doch kenne. Aber woher? Klar, von der Nachtfähre vor knapp zwei Wochen nach Koh Tao, meiner ersten thailändischen Insel. Schön, sie hier noch mal zu treffen! Morgen setzten sie per Boot auf Sumatra/Indonesien über. Sie erzählen mir von ihren Erlebnissen und können mir erste – scheinbar zuverlässige – Informationen über die Fähren von Singapore nach Djakarta geben. Geht wohl tatsächlich nur über »Umsteigen«. Wir fahren gemeinsam mit der von Schweizern erbauten Standseilbahn auf die Spitze des Berges. Oben ist es einige Grad kühler. Angenehm! Auch die Vegetation hat sich entsprechend verändert. Aber das Genialste ist das famose Panorama über den gesamten Nordosten der Insel – mit Georgetown. Grünbewaldete Hügel, Täler mit Wolkenkratzern, kleine vorgelagerte Inseln und die riesige Brücke. Da ich um 20 Uhr einen Anruf des Rundfunksenders RPR erwarte und wir länger als geplant auf dem Berg waren, müssen wir mit einem Taxi zurück. Endlich tauschen wir unsere Email- Adressen aus, bevor uns nur noch die besten Wünsche für eine gute Weiterreise bleiben. Am Abend spricht mich Roberto aus Capri/Italien an – mit dem ich mich kurz zuvor schon mal unterhalten hatte – und fragt mich, ob ich mit ihm etwas essen gehen möchte. Klar, warum nicht? Dann erzählt er mir seine fast unglaubliche Story. Von Bangkok (wo er seit einem Jahr arbeite) sei er vor knapp einer Woche mit dem Zug hierher gekommen – 24-Stunden-Trip. Dabei habe er freundliche Franzosen getroffen, mit denen er sich auf einer Wellenlänge gefühlt habe. Die Franzosen hätten ihn gefragt, ob er nicht – um Geld zu sparen – mit ihnen ein Zimmer teilen wolle. Das habe er dann auch gemacht. Er habe nur einen Samsonite-Koffer bei sich gehabt, worin auch alle Wertsachen gewesen seien. Vor vier Tagen wäre er abends in eine etwas außerhalb gelegene Disko gefahren. Als er gegen 3 Uhr zurückgekommen wäre, seien die Franzosen sowie sein Koffer (mit ca. 7000 DM Bargeld und 5000 DM Reiseschecks sowie Kreditkarte, Tage- und Adressbuch u. v. m.) verschwunden gewesen. Eine Schweizerin, deren angebliche Visitenkarte er mir zeigt, sei die einzige gewesen, die ihm (finanziell) geholfen habe, sein Hotelzimmer sowie etwas Essbares zu zahlen. Nun habe er umgerechnet noch 6 DM, aber sein 9 DM teures Hotelzimmer für die nächste Nacht noch nicht gezahlt. Seine Mutter habe ihm Geld zur italienischen Botschaft nach Kuala Lumpur geschickt. Geld für das Busticket dorthin bräuchte er natürlich auch. Ich weiß nicht, was ich von ihm und der Geschichte halten soll. Der Bursche sieht wirklich nicht aus, als wolle er mich übers Ohr hauen. Auch die Art und Weise, WIE er alles erzählt und auch auf meine Fragen antwortet, lassen mich eher zu dem Schluss kommen, dass er mir die Wahrheit erzählt. Aber was heißt das schon? Aber wenn er wirklich in so einer beschissenen Lage ist, sollte ich ihm wenigstens das Hotelzimmer, die Busfahrt und das Essen zahlen. Wenn er tatsächlich »blank« ist, hilft es ihm viel, wenn nicht, erleide ich deshalb finanziell auch noch keinen Schiffsbruch. Eher würde mich ärgern, dass mich da jemand reingelegt hat. Aber Christoph! Stell dir vor, du wärst in solch einer Lage. So verabreden wir uns zum Frühstück am nächsten Morgen. Zurück im Hotel unterhalte ich mich mit Barry darüber, der auch nicht weiß, was er machen würde. In einer englischsprachigen Zeitung lese ich noch Kommentare über die Wahl in der Heimat und über die beiden FCK-Niederlagen (Ruhe behalten!) gegen Bochum. Bis tief in die Nacht vervollständige ich noch mein Tagebuch.