29. Dezember

Gott sei Dank kommt keine Polizei vorbei. Ich kann unbehelligt durchschlafen. Fast sogar zu lange. Gerade für diese »Picnic area«, auf der ich übernachtet habe, werden den Touris Kängurus versprochen. Ich sehe aber keine. Dafür kommen ein paar Männer vorbei, die sehr interessiert an meiner Tour sind. Für ihre soziale Organisation wollen sie zu deren 100-jährigen Jubiläum im Jahre 2005 eine Tour um die Welt auf die Beine stellen. Zumindest träumen sie davon. Wieder aufs Rad. Kühl, stark bewölkt und zeitweise Nieselregen. Die Straße windet sich gleich zu Beginn in Serpentinen die Berge hinauf. Aber es ist noch eine angenehme Steigung. Zwischendrin Abzweigungen zu Wasserfällen und den bei Touris so beliebten Lookouts. Von dort kann man auf Seen, Berge, Felsmassive und viel Grün runterschauen. Tolle Abfahrt in den Hauptort der Grampians, Halls Gap. Extrem touristisch. Betrieb wie auf dem Wurstmarkt. Dennoch gibt es weder einen Internetshop, noch einen Radhändler (mein Hinterrad eiert also fröhlich weiter). Weiter auf sehr welliger Straße. Die schöne und bisweilen spektakuläre Landschaft wiederholt sich, aber immer wieder mit speziellen Momentaufnahmen. Der Nationalpark ist zu Ende, ich müde. Die weitläufigen Getreidefelder beginnen wieder. Und der Wind kann mir nun wieder ungefiltert auf die Nase wehen, da es hier wieder baumlos ist. Demoralisierend. Da trittst du in die Pedale, als würdest du gerade ein Zeitfahren der Tour de France bestreiten, aber du schleichst nur über das Land, als wärst du gerade mit Deinem Urgroßvater auf einem Sonntagsausflug. Die körperliche Anstrengung nimmt mich mit, entsprechend bin ich auch gereizt. Ich mag das Wort »Stress« nicht, schon gar nicht im Zusammenhang mit dem Rad fahren. Aber, was ich momentan mache, kommt dem doch recht nahe. Schade eigentlich, aber die inneren und äußeren Zwänge diktieren mal wieder das Leben. WO ist meine innere Freiheit? Ich habe noch viel zu lernen. Vielleicht eben auch, in solch einem Moment, einfach das Rad in den Bus zu verladen und das Leben wieder zu genießen? Das Schild »noch 50 km bis zum Meer« muntert mich auf. Plötzlich habe ich das Hadern wieder abgelegt und es rollt. Wenig später fahre ich sogar wie eine »Lok« beim Vierer-Mannschaftszeitfahren: ökonomisch, präzise wie eine Uhr, ohne jegliche Rührung, nur die Beine strampeln. Und das tun sie immer besser. Die letzte knappe Stunde fahre ich noch mal in der Dunkelheit. Aber mit meinem Freund, dem Mond, kein Problem. Es ist sogar wieder die schönste Zeit des Tages. Ruhig, interessant und stimmungsvoll. Dann komme ich in Warrnambool an. Die weltbekannte »Great-Ocean-Road« und direkt ihr größtes Städtchen, sind erreicht. In den ersten Backpacker. Die Dusche ist nach über 400 km und 20 Stunden Landstraße eine Wohltat.