29. Juni

Der nächste Bericht von der Weltumradelung, von der inzwischen schon gut ein Viertel absolviert ist. Jetzt geht es (erst richtig) los!

Zum Frühstück kann ich mir nur einen Tee leisten, da ich noch kein chinesisches Geld habe und meine Dollar sich verabschiedet haben. Aber die Banken werden ja bald öffnen. Mir begegnet Fernando. Er kommt aus Barcelona. Er ist seit zweieinhalb Jahren unterwegs und sein Geld wird noch bis zum Jahresende reichen. Um Geld zu sparen, ist er vor einem halben Jahr in Thailand vom Trekker zum Radelfahrer mutiert. Die Geschichten, die er mir erzählt, sind abenteuerlich. Von Thailand fuhr er über Laos (sein Traumradelland) und Südchina bis nach Lhasa mit dem Rad. Das ist genau die Route, die ich ursprünglich – ohne mich politisch darüber informiert zu haben – fahren wollte. Aber bald östlich von Lhasa beginnt die für alle Ausländer gesperrte Zone. Das hatte ich nun auch schon öfters gehört und mich darum entschieden, »nur« durch Zentral-Tibet zu radeln. Fernando erzählt mir, wie er vor der Polizei flüchtete, dass er jetzt von eben dieser gesucht wird, wie er von einigen Chinesen über den Tisch gezogen und auch verraten wurde etc. Nie mehr würde er durch dieses Gebiet unter den gegebenen Umständen radeln. Ich gehe mit Fernando essen. Die »Stäbchenzeit« beginnt. Fernando zeigt mir, wie ich damit umzugehen habe: Das eine Stäbchen muss fix bleiben, das andere so bewegt werden, dass es die Nahrung greifen kann. Was mir sonst auf den ersten Blick in die tibetische Küche auffällt, ist, dass es nun nicht mehr soviel Reis, stattdessen mehr Klöße und vor allem Nudeln gibt. Das Essen ist hier auch (wieder) sehr scharf, vor allem im Vergleich zu Kathmandu. Die Chilischote gibt es scheinbar in allen Variationen. Hier in Lhasa soll es die einzige Bank bis Kathmandu geben. Wir werden wohl über drei Wochen unterwegs sein. Es heißt also genügend Geld abzuholen. Aber wie viel? Ich kenne die Preise hier in China noch fast gar nicht. Außerdem habe ich gehört, dass die Polizei unterwegs bei Kontrollen (viel) Geld verlangen kann, wenn wir keine spezielle Reiseerlaubnis für jede einzelne Stadt haben. Diese Reiseerlaubnis bekommt man aber nur über Reisebüros, die (sündhaft teure; ca. 150 USD pro Tag und Person; aber ohne großen weiteren Service) Gruppenreisen mit Jeep und Reiseführer verkaufen. Da ich bei der Kreditkarte 4 Prozent »Commission« bezahlen muss, entscheide ich mich, Travellerschecks (400 USD für dreieinhalb Wochen) einzutauschen. Den Rest des Tages verbringe ich gemütlich, unterhalte mich unter anderem mit einem älteren Hessen, der seit zwei Jahren kreuz und quer um die Welt jettet und in vier Wochen »mit gemischten Gefühlen« wieder nach Deutschland zurückkehren wird. Am Abend geht es noch in ein in der Nachbarschaft gelegenes Hotel, in dem das Spiel der deutschen Fußballnationalmannschaft gegen Mexiko übertragen wird. Als ich eintreffe, führt Mexiko 1:0. Dies sei hoch verdient, die Deutschen würden ausscheiden, jubilieren die meisten der anwesenden Gäste. Aber wie so oft drehen die Deutschen das Spiel glücklicherweise noch um.