30. Dezember

Warten auf das öffnen des Radgeschäfts. Der Mechaniker sei aber gerade im Urlaub. Also zu einem Adventure-Shop. Der Mann schaut sich mein eierndes Hinterrad ein wenig an und meint dann, dass die Ursache des Problems »eher nicht« von der Felge herrühre. Woher sonst? Schulterzucken. Na ja, könnte ja dann eigentlich nur an Schlauch und Mantel liegen. Das wäre ja nicht so wild. Zum Internetshop: Mails lesen und wenigstens die kurze message durchgeben, dass mit mir alles (?) o.k. ist. Endlich auf die »Great-Ocean-Road«. Eine knapp 300 km lange Straße, die 1932 als staatliche Arbeitsbeschaffungsmassnahme während einer schweren Wirtschaftskrise mit zahlreichen Arbeitslosen gebaut wurde. Spektakulär soll sie sein. Zunächst führt sie aber gar nicht direkt am Meer entlang. Plötzlich aber rieche ich salzhaltiges Wasser und schon folgt auch die erste interessante Felsformation. Hohe Felsen stehen mutterseelenallein in der Brandung nahe des Strandes. Dieses Naturschauspiel wiederholt sich nun öfters. Ich werde jedes Mal schon von weitem darauf hingewiesen. Denn vor jedem Lookout stehen eine Unmenge Autos und Busse. Ganz besonders ausgeprägt ist dieses Touristenphänomen bei den »Zwölf Apostel«, zwölf von der Erosion geformte Felssäulen in der Brandung vor der Steilküste. Andere Felsformationen sind ähnlich eindrucksvoll, alle haben aber ihren eigenen Charakter. Mittagessen. Gespräch mit einem holländischen Mitarbeiter der »UN«. Er lebt seit neun Jahren in Asien und spricht mir aus der Seele. Asien ist für ihn landschaftlich, kulturell und auch von den Menschen her wesentlich interessanter als das für ihn »überbewertete« Australien. Es geht weg vom Meer. Ständiges Auf und Ab. Mühsam klettere ich hoch, rauschend rase ich runter. Entsprechend schwitze ich bergauf, runter wird mir kühl. Also Windjacke an, aus, wieder an,. Richtige Berge kommen. Anstrengend. Mir wird klar, dass ich wieder in die Dunkelheit komme. Ist DAS noch der Sinn Deiner Tour, von morgens bis spät abends nur noch auf dem Bike zu sitzen? NEIN! Aber natürlich(?!) fahre ich auch heute weiter. WARUM eigentlich? Das Landschaftsbild ändert sich. Zeitweise Wald, zeitweise aber auch schroffe, nur von Moos bewachsene Berge, die in dem nun aufkommenden Nebel schon fast gespenstisch wirken, mich aber faszinieren. Tatsächlich gerate ich wieder in die Finsternis. Und heute wird mir der Mond untreu, die Wolken lassen sein Licht nicht zu mir durchdringen. Und bei diesen Bedingungen eine kilometerlange rauschende Abfahrt. Angst vor Kängurus. Wenn nun eines über die Straße springt. Wieder geht aber Gott sei Dank alles gut, ich erreiche den Bade- und Surferort Apollo Bay. Riesiger Touristenrummel. Der Alkoholverbrauch ist hoch hier. Ich suche aber nur die Jugendherberge, finde sie auch nach längerer Zeit des Umherirrens. Alternativ hier, ökomäßig, 70er-Jahre-Stil. Draußen singen sie am Lagerfeuer. Glenn aus Miami liegt bereits im Bett. Er liest. Wir kommen ins Gespräch. Ein intellektueller, gebildeter Mann mit Weitblick. Ein Kosmopolit. Mittelalt. Wohnung und Auto verkauft, Arbeit aufgegeben. Vor zwei Monaten ist er zu einer »ein- bis zweijährigen« Reise aufgebrochen. Von der neuseeländischen Südinsel schwärmt er mir vor. Nach Australien will er lange nach Südostasien gehen, von Indonesien bis Nepal. Was verleitet einen schon fast weise wirkenden Mann wie ihn, der sicher einen guten Job hatte, alles aufzugeben und in die weite Welt zu ziehen?