31. Dezember

Müde am Morgen, will nicht aufstehen. Frühstück mit Glenn und einigen älteren Australiern, denen ich viele Stories von meiner Reise erzählen muss. Wieder los. Hoch und runter, gleich also wieder anstrengend. Dazu heute extrem hohes Verkehrsaufkommen, viele Autofahrer rasen nur knapp an mir vorbei. Für einige scheint das Autofahren hier eine Herausforderung zu sein, wie schnell können sie diese und jene Kurve noch nehmen. Manche regen sich auf, wenn sie mich aufgrund der engen Straße und entgegenkommenden Verkehrs nicht direkt überholen können. »Und dann muss dieser Radler auch noch sooo langsam die Berge hoch kriechen«. Ist ja auch unverschämt, dass die Autofahrer auch noch Rücksicht auf einen Radfahrer nehmen müssen. Ich spüre jedenfalls mal wieder, dass man als Radler halt meist der Idiot auf der Landstraße ist. Man wird angehupt, angeschrieen, ohne etwas getan zu haben, außer zu radeln – und das sogar noch nach den Verkehrsregeln und so wenig als möglich »störend« für meine vierrädrigen Freunde. Der Radler ist aber halt immer der Schwächere und dem Goodwill der Stärkeren ausgesetzt. Man wird in den Straßengraben gedrängt. Vom Erschrecken durch plötzliches Motorengeheul oder Hupen ganz zu schweigen. WARUM eigentlich werden die Autofahrer auch noch immer bevorzugt, obwohl sie doch Dreck in die Luft blasen, für tödlich endende Verkehrsunfälle verantwortlich sind, die Aggressionen aller Verkehrsteilnehmer schüren und zudem für ein Grossteil der Zivilisationskrankheiten verantwortlich sind? Weil ihre Lobby (noch?) zu groß ist? Aber das Wetter ist heute mal angenehm. Meist Sonne, mild und der Wind kommt sogar meist von hinten. Vermehrt Dörfer, sehr touristisch. Total überlaufen, alles ausgebucht, überteuert, kaum Einheimische. Letztere eigentlich nur für den Service für die Touris. Ich kann an einen PC, meine Emails abrufen. Klasse, eine Nachricht von den Schweizern. Ich rufe gleich in deren Hostel an, lasse mir ein Zimmer reservieren und ausrichten, dass die Kumpels mit dem Ausgehen auf mich warten sollen. Ich freue mich riesig auf eine sicher toll werdende Silvesterparty. Mit dieser (Vor)Freude geht auch das Radeln leichter. Melbourne kommt in Sicht, rückt näher und schon bin ich – mal wieder über die Autobahn – mitten im Stadtzentrum. Schnell finde ich den Backpacker der Schweizer. Die Frau an der Rezeption ist recht unfreundlich, hat u. a. meine message nicht weitergeleitet. So sind die Schweizer auch schon unterwegs und rechnen wohl gar nicht mehr mit meiner heutigen Ankunft hier. Also gehe ich alleine auf die Straße – und hoffe noch, die Kumpels dabei zu finden. Eine Party im Skate-Park, aber mehr für die Teenies. Die Straßen sind voller Leute, für die Autos gibt es fast kein durchkommen mehr. Das absolute Partyzentrum kommt aber erst am Ende der Verkehrsachse Melbournes, der Swanston Street, am Yarra River. Die Leute stehen und sitzen auf und neben der Straße. Sie plaudern miteinander, lachen, schreien oder warten einfach auf den »großen Moment« um Mitternacht. Ein paar Bands spielen. Nur eine Handvoll Leute mit Alkohol in der Hand, es handelt sich wohl auch hier um eine »dry area«. Dennoch sind manche besoffen und/oder aggressiv. Kaum ein durchkommen durch die Menge, von den Schweizern auch keine Spur. So entscheide ich mich um viertel vor zwölf, umzudrehen und heimzugehen. Um Mitternacht bin ich so wieder genau auf der über den Fluss führenden Brücke. Kein lautes Gejohle zur Jahreswende, kein Austauschen bester Wünsche, nur angespanntes Starren auf das in diesem Moment startende Feuerwerk. Jenes wird wahrlich gut in Szene gesetzt, 10 Minuten lang immer wieder neue Kompositionen, von vielen »Aaaahs« und »Oooohs« begleitet.