Anreise + Start

Liebe RadsportfreundInnen,

die letzten beiden Saisonrennen lies ich ausfallen: am ersten Oktoberwochende war ich leicht erkältet und die Woche drauf wollte ich am Schwarzwälder Kandel meine MTB-Taufe absolvieren. Bekam kurz davor den Tipp auf ein letztes Rennrad-Event, worauf ich mich entschied, dort zu starten. Stellte aber kurz vor der Veranstaltung fest, dass dort Lizenzfahrer nur außerhalb der Wertung starten durften. So startete ich weder da noch dort. Aber was soll es? Mein Radsommer war gigantisch gut.

Und nun – am Übergang ins Winterhalbjahr – soll noch ein Abschluss ganz besonderer Art folgen. Schon seit fast einem Jahr wusste ich , dass ich in der dritten Oktoberwoche eine Dienstreise nach Bosnien-Herzegowina haben sollte – zur Vorbereitung auf die Eröffnung der bundesweiten Renovabis-Aktion im kommenden Jahr im Bistum Speyer (www.renovabis.de). Da ich noch interessiert bin, zum großen Finale meiner Radsportkarriere (2017?) beim Transkontinentalrennen „London – Istanbul“ (www.transcontinentalrace.com) zu starten, hatte ich schon seit einem Jahr die Idee, nach Sarajevo mit dem Rad zu fahren. Auch, weil es die interessanteste und ökologischste Anreisevariante ist. Die Reisezeit Mitte/Ende Oktober ist natürlich nicht ideal: oft schon kühl, z.T. sehr nass (in den letzten Tagen hat es in Osteuropa sehr viel geregnet) und die Tage schon ziemlich kurz. Aber reizvoll stelle ich mir die Route auf alle Fälle vor.

Ebenso freut es mich sehr, dass ich im Vorfeld Friedrich Dähler, der aus dem Nordwesten der Schweiz kommt und den ich in diesem Jahr bei einem Bergrennen (er gewann mit deutlichem Vorsprung vor mir; ich habe seit jahren keinen so guten Bergfahrer wie Friedrich getroffen) kennen gelernt habe, gewinnen konnte, ein Stück mit mir zu fahren. Als Lehrer hat er ein verlängertes Wochenende „rausgehandelt“: von Donnerstag, 15.10. bis Sonntag. 18.10. – dann will Friedrich mit dem Zug von Zagreb wieder heim.

In vier Tagen (drei „volle“ und zwei „halbe“ Tage) von Innsbruck nach Sarajevo, ab Sarajevo fuer fuenf Tage mit der Delegation in Bosnien-Herzegowina unterwegs und zum Abschluss noch einmal drei komplette Tage mit dem Rad von Mostar meist in Adrianähe bis Trieste (von dort mit dem Zug wieder heim) – das ist mein Plan. Ich bin gespannt.

Letztes Frühstück mit meiner Familie.

6:38 Uhr geht mein Zug – 12:57 Uhr bin ich fast planmaessig (trotz einiger Verspaetungen unterwegs) in Innsbruck. Friedrich ist schon da. Er hat an seinem Rennrad eine Halterung für eine Tasche befestigt, ich fahre mit meinem MTB, mit dem ich vor 17 jahren um die Erde geradelt bin (mein Vater hat ein paar Teile erneuert). So habe ich zwei Satteltaschen dabei.

Wir starten. Es ist kühl (8 Grad) und stark bewölkt, aber immerhin trocken.

Gleich nach Innsbruck geht es die erste Steigung hinauf, via Igels und Ellbögen auf die Brenner-Bundesstraße. Ab ca. 1000 m Höhe liegt Schnee am Straßenrand. Wir merken, dass das Fahren mit Gepäck doch etwas Anderes ist, gerade bergauf. Die Schaltung an meinem MTB geht nicht sehr gut, meist muss ich mehrfach schalten, damit die Kette auf das gewuenschte Ritzel springt. Muss dann auch immer aufpassen, dass die Kette sauber läuft (meist muss ich wieder „zurück schalten“). Das hätte ich besser vor der Reise noch ausprobieren sollen – wie mir mein Vater auch empfohlen hatte.

Am Brenner liegen etliche cm Schnee am Strassenrand, die Temperaturen dürften ziemlich genau um den Gefrierpunkt liegen. Kurz nach Beginn der Abfahrt startet ein heftiger Regen. Ich ziehe mir Ueberschuhe an. Dennoch sehr unangenehm. Alles nass, trotz meiner Schutzbleche.

Immerhin wird es hinter Sterzing waermer, der Regen endet und bald kommt sogar die Sonne raus. Das ist herrlich. Wir treffen Peter Stier, der bei Brixen lebt und uns einige km begleiten moechte. Zu Dritt fahren wir ins Pustertal, nehmen einige km auf dem hiesigen Radweg unter die Räder und machen eine schöne Pause in einem Rasthof. Bald nach der Pause bekommt Peter einen Plattfuss. Friedrich und Peter wechseln den Schlauch, aber auch dieser ist schnell platt. Peter lässt sich von seiner Frau abholen, wir muessen uns frueher als geplant wieder verabschieden. Mir wird jetzt bewusst, dass ich kein Ersatzmaterial dabei habe, z.B. auch keinen Ersatzschlauch. Das ist sicher Teil meines grenzenlosen Gottvertrauens, aber aktuell halte ich dies nun selbst für etwas leichtsinnig. Denn reparieren kann ich ja auch fast Nichts.

Friedrich und ich fahren weiter auf dem Radweg, immer entlang des Flusses. Es ist nun milder. Wir sind von herrlichen, Schnee bedeckten, Bergen umgeben. In Bruneck kaufen wir in einem Bioladen etliche Lebensmittel ein. Direkt am Ortsausgang Bruneck verfahren wir uns. Es wird bereits dunkel, wir müssen unsere Lichter einschalten. Wir haben noch 20km zu unserer Unterkunft. Wir finden bald wieder auf die Bundesstrasse zurück. Hier ist recht viel Verkehr, gerade auch viele Lastwagen. Dennoch fühle ich mich immer sicher. Meditativ spulen wir diese letzten km des Tages ab, in der immer mal wieder von Lichtern erhellten und von Motorgeraeuschen unterbrochenen Nacht.

Am Schluss verlassen wir die Staatstraße, zweigen auf einem kleinen Schlussanstieg nach Taisten zu unserer Unterkunft ab. Hier können wir uns sogar etwas kochen – und v.a. all unsere Sachen zum Trocken aufhängen – und uns auch aufwärmen. Allein das ist herrlich.