Auf dem Balkan – 22.09.2015

In der Nacht bewölkt, daher morgens noch 5 Grad. Fühlt sich auf der bald folgenden längeren Abfahrt dennoch kalt an. Im Tal dann milder. Welliges Profil. Dem Landesnamen entsprechend (weiterhin) viele Berge. Meist nur kleine Dörfer. Sehe nur wenige Menschen. Aber viele tote Tiere (v.a. Hunde und Katzen) am Straßenrand. Bei den Bäumen beginnt die Herbstverfärbung.

Bei Mojkovac stoße ich auf die große Straße Richtung Belgrad, die wohl noch aus der gemeinsamen Zeit mit Serbien stammt, von dem sich Montenegro als letzter ehemaliger jugoslawischer Staat erst 2006 durch eine sehr knapp endende Volksabstimmung los gesagt hat und seitdem als eigenständiger Staat existiert.

Autofahrer hupen mich vermehrt an. Es dauert ein wenig, bis ich kapiere, dass dies freundlich gemeint ist: entweder weil sich einE AutofahrerIn, diE sich mir von hinten nähert, ankündigen will (als würde ich die Autos nicht hören…) oder weil sie mir damit ihren Respekt ausdrücken wollen, dass ich ihre Region mit dem Rad erkunde. Zumindest wird dieses Hupen oft von ausgestreckten Daumen, manchmal auch von Anfeuerungsrufen wie ich dies aus den arabischen Ländern kenne, verknüpft.

Immer wieder habe ich auch mal unangenehme Gerüche, was mir v.a. an zwei Gründen zu liegen scheint: viele Autos scheinen mit minderwertigem Kraftstoffen zu fahren, zudem wird hier in der Region offenbar noch öfters jeglicher Müll einfach verbrannt, was manchmal beißenden Gestank auslöst.

Zwischen Berane und Rozaje kommt für mich überraschend ein immerhin 1336 m hoher Pass, der in meiner Landkarte nicht verzeichnet war. Nach der Abfahrt steigt es von Rozaje auf den 1795 m hohen Kulapass. Verlasse Montenegro schon wieder und komme nach 10km durch ein „Niemandsland“ (eigentlich eine schöne Sache, wenn ein Land niemand – und damit letztlich allen – gehört…) in den Kosovo. Direkt an der Grenze fällt mir als erstes ein Militärfahrzeug samt Soldaten der Kfor-Truppen, die immer noch hier stationiert sind, auf. Lange Abfahrt nach Peje (albanisch) bzw. Pec (serbisch). Mir fällt auf, dass die serbischen Ortsnamen auf den Verkehrsschildern häufig durchgestrichen sind. Im Land leben auch nur noch rund 5% Serben im Gegensatz zu rund 88% Menschen albanischer Abstammung. Im Tal angenehm warm. In der Stadt Peje (mit nur knapp 50.000 Einwohnenden) hektischer Verkehr. Bin froh, aus der Stadt wieder raus zu kommen. Die Straße Richtung Prizren bleibt aber sehr belebt. Weiche daher auf kleine Nebenstraßen aus (Junik, Ponashec). Das ist wunderbar: kaum noch Autos, dafür ab und an Hirten mit Kühen oder Schafen bzw. Ziegen. Meist grüßen sie freundlich. Gute Straßen. Hügel. Befinde mich aber in einem Becken. Hier wird viel Landwirtschaft betrieben. Im Westen ragen schon die hohen albanischen Berge auf. Richtung Grenzübergang bei Morine begebe ich mich in die Richtung dieser albanischen Berge. Die Kontrolle an der Grenze geht hier rasch. Als Deutscher habe ich an den Grenzen ohnehin Vorteile.

Nach nur 60km und rund 2 h verlasse ich schon wieder den Kosovo. Bin nun in Albanien, das mich schon lange fasziniert, spätestens seit Erzählungen von Bekannten, die hier noch eine ganz andere Lebensart – u.a. durch Kommunismus, zeitweilige Abriegelung gegenüber anderen Staaten und auch durch Armut bedingt – festgestellt hatten. Schon seit Jahren wollte ich mal in „das Armenhaus Europas“. Mutter Theresa stammt aus Albanien (als Albanien geographisch noch größer war – Geburtsort Skopje, die Hauptstadt des heutigen Staates Mazedonien). Bei der Fußball-EM in diesem Jahr hatte ich mit Albanien mit gefiebert.

Ungewöhnlich früh (18:06 Uhr) erreiche ich mein Tagesziel, Tropoje. Werde am Ortseingang von zwei Männern, Vater und Sohn, angesprochen, ob ich eine Übernachtung im Ort gebucht hätte. Schnell stellt sich heraus, dass sie meine Gastgeber für die kommende Nacht sind. Der Sohn spricht hervorragend Deutsch. Ich gehe noch in den örtlichen Lebensmittelladen, der aber nur bestimmte Produkte anbietet. So kaufe ich nur ein wenig Obst ein. Bin begeistert von meinem Übernachtungsort: schlicht, aber ganz nach meinem Geschmack mit viel Holz und Stein gestaltete Zimmer, tip-top in Schuss (erst vor 2 Jahren renoviert), für Mitteleuropäer sehr preiswert (18 € inkl. eines reichhaltigen Frühstücks). Als ich Emmanuel, den Sohn des Hauses, frage, ob ich noch etwas zu essen im Ort bekommen kann, lädt er mich – nach kurzer Rücksprache mit seiner Mutter – ein, ein dreigängiges Abendessen (für 5 €) von der Familie in Anspruch zu nehmen. Das mache ich sehr gerne. Bekomme auch selbstverständlich vegetarisches Essen. Schmeckt grandios. So gut habe ich unterwegs schon sehr lange nicht mehr gegessen! Drei Teller Gemüsesuppe („es ist noch mehr da, wenn Du noch etwas willst“) mit sehr gutem, selbst gebackenem und gehaltvollem Brot. Viel gebratenes, aus dem eigenen Garten stammendes, Gemüse. Dazu Schafskäse. Weiterhin eine Art salzigen Kuchen und dann noch einen süßen Nachtisch. Ich kann – obwohl ich viel Hunger hatte – gar nicht alles essen. Was übrig bleibt, darf ich am Morgen noch beim Frühstück essen.

Unterhalte mich noch lange mit Emmanuel. Er erzählt mir einiges über die albanische Geschichte und aktuelle Politik. Sehr interesssant, zumal ich bekennen muss, dass ich sehr wenig Ahnung davon habe. Er selbst hat nur durch deutsches TV in der Kindheit so gut Deutsch gelernt, sehr beeindruckend! Aktuell studiert er in Tirana Mechatronik und kam fast zeitgleich mit mir nach einem Monat in der Hauptstadt heute wieder bei seinen Eltern an. Er hatte mich von seinem Bus aus schon kurz vor der kosovarisch-albanischen Grenze gesehen. Er ist auch fit in Webdesign und arbeitet mit englischen und skandinavischen Agenturen zusammen, um TouristInnen aus diesen Ländern zum Mountainbiken, wandern und Schneeschuhwandern in diese großartige Berglandschaft zu locken. Hier würde ich auch mal gerne Urlaub mit meiner Familie machen.

Emmanuel bringt mir auch noch ein paar zentrale albanische Worte bei. Hierbei wird schnell deutlich, dass es eine sehr eigene Sprache ist: merken will ich mir v.a. „Faleminderit“ (danke). Schlafe heute besonders froh ein.