Im Schneegestöber Richtung Osten/Slowenien

Gute Nacht. Leichter Muselkater vom vorgestrigen Joggen wieder fast vorbei. Frühstück mit Friedrich. Interessant, von seiner MTB-Profi-Karriere zu hören – vor ein paar Jahren ist er ganz in der Nähe hier bei der MTB-WM mitgefahren. Diese Zeit ist für ihn aber nun vollkommen abgehakt. Auch seine sonstigen Lebenseinstellungen gefallen mir.

Raus ins Nasskalte. Entgegen der Wetterprognosen ist es trocken, ich bin sehr froh darum.

Die Straße im Pstertal steigt noch leicht an, bis zur Grenze nach Osttirol/Österreich. Ich genieße es mal wieder, wie selbstverständlich wir von einem Land Europas in ein anderes fahren können.

Bald kommt eine Weggabelung: wir entscheiden uns für die südlichere, auch etwas kürzere, dafür mit mehr Höhenmetern gespickte Variante über die Karnitscher Höhe (1540 m). Es steigt ein paar km deutlich spürbar an. Bald liegt wieder Schnee am Straßenrand, zunehmend höher. Kurz vor der Passhöhe beginnt es zu schneien, ein Räumfahrzeug kommt und entgegen! Der Schnee bleibt liegen. Die Strasse wurde nun aber bereits weitgehend geräumt. Der Schneefall wird schnell immer stärker, die schweren und riesigen Schneeflocken beißen im Gesicht und v.a. in den Augen. Schnell hinab, in der Hoffnung, dass es dort zumindest milder wird. Alles wird wieder nass, auch wir selbst – bis auf die Haut. Die Hände und die Füße werden kalt. Immer kälter. Ich fange an zu zittern. Friedrich geht es offenbar nicht viel besser (immerhin hat er noch Regenklamotten, aber auch diese helfen bei diesen Bedingungen kaum noch). Alle Restaurants/Cafes haben geschlossen (wohl weil Sommersaison vorüber und Wintersaison noch nicht begonnen). Aber das örtliche Lebensmittelgeschäft hat offen, da gehen wir nun rein. Der Mann an der Kasse fühlt mit uns mit. Friedrich trinkt einen warmen Kaffee. Ich schnattere und zittere erstmal vor mich hin. Esse einen kompletten Mohnkuchen, trinke dazu 1 l Hafermilch, immer noch zitternd. Draußen schneit es nach wie vor stark. Was sollen wir tun? Zumindest die nächsten 25km müssen wir radfahren, dann vielleicht in den Zug steigen? Wir wollen heute noch bis Ljubljana kommen, das sind noch knapp 200km. Das werden wir heute aber sowieso nicht schaffen. Die Pause wird lang und länger. Zunehmend fühlen wir uns im Geschäft wohl – ziehen entsprechend nach und nach unsere nassen Klamotten aus – und wärmen langsam auf. Aus dem „Mann an der Kasse“ wird ein sympathischer Gesprächspartner, der uns einiges über die Region erzählt. Seine Frau erweist sich ebenso als sehr zugewandt, schenkt uns aus ihrem Laden nun sogar noch neue (trockene!) Socken. Herr Prünster (so heisst der Mann) besorgt uns noch Plastiktüten, die wir uns über die Schuhe binden.

Innerlich und äußerlich aufgewärmt begeben wir uns nach der zweistündigen Pause wieder in die Unwirtlichkeit des Wintereinbruchs. Es scheint weiterhin unverändert stark. Aber wir hoffen mit jedem Meter der Abfahrt weiter ins Tal zu kommen und ein paar Plusgrade zu erwischen. Wir haben Osttirol bereits hinter uns gelassen – und sind in Kärnten. Die Straße führt unrythmisch nach Kötschach-Mauthen ins Tal: viel bergab, immer mal wieder mit Gegenanstiegen. Muss viel schalten, was nach wie vor nicht ganz einfach ist. Aber beim Bergauffahren müssen wir auch in die Pedale treten, was uns hilft, nicht zu schnell wieder auszukühlen. Wir sind aber schon wieder bis auf die Haut nass. Im Tal hört es bald auf zu regnen, welch Wohltat! Wir können bei einer Rast alles auswringen: von den Handschuhen, über die Überschuhe bis zu den Socken. Bald kommt sogar die Sonne raus, es wird so sogar vergleichsweise mild. So werden wir auf alle Fälle weiter radeln – und nicht in den Zug steigen. Nach und nach koennen wir etliche Klamotten ausziehen und finden unseren Optimismus endgültig wieder. Dann allerdings zieht die nächste Regenfront auf – wir werden wieder bis auf die Haut nass! Kehren in ein Cafe ein. Die Leute am Stammtisch raten uns massiv ab, über den Wurzenpass zu fahren, der sei viel zu steil. Wir halten das für „Stammtischgeschwätz“ – und nehmen den Pass in Angriff. Erst einmal total verfroren. Aber im Anstieg wird uns warm. Friedrich fährt ein Stück voraus. Plötzlich taucht ein lange Rampe vor uns auf, die uns erschreckt: die angegebenen 18% dürften hier tatsächlich über mindestens 500 m erreicht werden. Selbst mit meiner MTB-Übersetzung muss ich meine letzten Kräfte mobilisieren, um hoch zu kommen. Ich schaffe es. Zwei ähnlich steile, aber auch etwas kürzere, Rampen folgen noch. Dann sind wir oben. Wir haben Slowenien erreicht. Abfahrt in den vermutlich bekanntesten Wintersportort des Landes: Kranjska Gora. Er wird langsam duster, wir beenden die heutige Etappe – noch 85km von unserem angepeilten Etappenort Ljubljana entfernt. Brauchen ein Weile, bis wir eine passende Ferienwohnung finden (die Meisten haben aktuell nicht geöffnet). Kaufen Lebensmittel ein und kochen.

Wir trocken über allen verfügbaren Heizkörpern in unserer Wohnung all unsere Klamotten. Ich bin froh, dass wir das können. Denke an Flüchtlinge, die solche Möglichkeiten – vielleicht sogar ganz hier in der Nähe – nicht haben (und die nun eventuell draußen frieren müssen). Wie gut wir es haben!