23.11.2016

Wieder tief, wieder aber nur kurz geschlafen. Muede. Aber was ist schon Muedigkeit gegenueber den Dingen, die ich erleben darf?

Fruehstueck mit sehr viel gutem und schmackhaften Obst. Wie herrlich, mal so viel Bananen essen zu koennen wie ich mag – ansonsten halte ich mich damit sehr zuruek, weil sie von so weit weg importiert werden muessen. 

Fahre mit Carolina ins Tiefland Richtung Pazifik. Ganz anderes Klima: immer heiss, selbst nachts nie frisch. Andere Vegetation: nun viel Gruen, viel Obst und Gemuesseanbau, u.a. viel Mais. Der Verkehr im Auto setzt mir mehr zu als auf dem Rad: da die Autos, Busse und LKW voellig unterschiedliche Geschwindigkeiten fahren, wird staendig uebrholt. Wegen vieler Kurven ist der Gegenverkehr aber haeufig schlecht einsehbar. Im Tiefland angekommen, werden die Asphaltstrassen zur Ausnahme, wir „schockeln“ ueber viele Staubpisten. Wir sind in einer Region mit riesigen Zuckerrohr- und Kautschuk-Plantagen. Monokultur in Reinform. Hoch dosiert chemisch geduengt, Fabriken, die von Grossgrundbesitzern gelenkt werden. Arbeitende werden ausgebeutet. Sie bekommen sogar haeufig Aufputschmittel vom Arbeitgeber, dass sie ihre harte Arbeit auch lange durchhalten. Der Verdienst ist aber gering. Carolina und ihre Team von der „Gesundheitspastoral“ haben eine entgegen gesetzte Vision von guter Arbeit, guten Lebensmitteln, gerechtem Umgang mit Mensch und Umwelt.

Wir treffen Marco-Tullio, ein Multiplikator dieser Arbeit hier in der Region. Wir fahren zu einer Parzelle, auf der die Familie auf oekologischen Landbau umgestellt hat. Leider kann der Bauer selbst nicht da sein, da sein Sohn gestern erkrankte und ins Krankenhaus gebracht werden musste. Auch seine Frau ist dort. So sprechen wir mit den Kindern der Familie, vom Kleinkind bis zu Jugendlichen. Die aelteste anwesende Tochter ist auch schon ganz auf dieser Spur und kann uns von daher mit Marco-Tullio viel erzaehlen. Wichtig ist ihnen, dass sie moeglichst vielfaeltig anbauen. Ich darf auch Manches probieren, z.B. Kakao, Soja. Daneben gibt es u.a. verschiedenste Bananensorten und viele Wildkraeuter, die auch als medizinische Heilpflanzen eingesetzt werden koennen.

Wir fahren weiter ins Pfarrzentrum, wo es ein Zentrum fuer und mit diesen Heilpflanzen gibt. Leider ist heute niemand da, weil beide Personen, die diese Einrichtung betreuen, heute nicht da sein koennen. Einer von beiden hat an seinem Rad einen Defekt und ist deshalb noch unterwegs. Wir treffen aber den Pfarrer. Er hat einen sehr ganzheitlichen Ansatz, das Wichtigste ist ihm, dass die Leute ein gutes Leben, ein besseres als bisher haben. Dass sie die Ursachen ihrer Krankheiten und sonstigen Schwierigkeiten erkennen und in einem naechsten Schritt den Reichtum erkennen, der in einem einfachen Leben stekt. Viele eigene Traditionen (z.B. ihre urspruengliche Ernaehrung) kann ihnen dabei helfen. Bildung ist ihm dafeur ganz wichtig, denn die guten Traditionen sind weitgehend verschuettet worden und von einem „westlichen Lebenstil“ als Leitbild ueberdeckt worden.

Im Rahmen der Gesundheitspastoral gab es hier im Ort vor rund zwei Jahren etliche Backkurse, weil die Leute gemerkt haben, dass ihr Brot meist nicht nahrhaft ist. Bald kam dann der Wunsch auf, selbst zu backen und das Brot dann im Dorf zu verkaufen. Seit knapp zwei Jahren backen sie nun. Erst haben sie mit 270 kleinen Broten einmal in der Woche angefangen, inzwischen sind es bereits zwei bis dreimal/Woche je 550 kleine Brote.

Nach einem Mittagessen in einer Familie schauen wir uns  noch eine kleine Beregnungsanlage an, mit deren Hilfe drei Familien nicht nur in der Regenzeit anbauen koennen, sondern dann auch noch in der langen Trockenperiode. In der Mitte gibt es einen Brunnen, die Beregnungsanlage troepfelt stark dosiert das Wasser an die Pflanzen. Es wird Sesam, Paprika, Tomaten, Chili (super scharf!), Malve und Mais angebaut.

In der Nachbarpfarrei wurde die Idee von der Baeckerei bekannt. So hat sich ein Kreis gefunden, der auch bald eine Baeckerei – direkt auf dem eigentlich sehr knappen Pfarrgelaende neben der Kirche – starten wird. Heute ist noch ein Probebacktag. Wie ueberall werden wir sehr nett empfangen, stellen sich alle Anwesenden kurz vor.

Wir bekommen wir in einer Familie noch einen gut schmeckenden Kaffee wie er hier fuer die meisten Leute ueblich ist: die Kaffeebohnen (obwohl es diese ja hier im Land gibt) sind den Meisten zu teuer, so machen sie einen „Kaffee“ aus Soja. Mindestens so gut wie der heimische „Muckefuck“.

Es wird dunkel. Wir machen uns auf den Heimweg. Die Strassen sind nach wie vor voll von den riesigen LKW, die mit Zuckkerrohr hoch beladen sind. Wir machen noch einen kurzen Abstecher nach Retalhuleu. Ins hiesige  Dioezesanbuero der Gesundheitspastoral. Wie so Viele heute hat auch Bonifatio („Boni“) schon lange auf uns gewartet. Aber wie immer werden wir sehr freundlich empfangen. Boni erklaert mir mit Bildern und wenigen, aber engagierten, Worten das Wesentliche in seiner Arbeit. Bin ueberrascht, dass das sogar halbwegs funktioniert und ich offenbar nun doch schon ein paar Brocken Spanisch verstehe. Wir haben beide Freude dabei, wie wir mit eingeschraenkten Mitteln uns doch verstaendigen koennen – den ganzen restlichen Tag hat mir immer Carolina alles uebersetzt. Boni zeigt mir noch das Dioezesanradio, in dem auch die Gesundheitspastoral regelmaessig eine halbstuendige Sendezeit reserviert bekommen. 

Nun geht es wieder ins Hochland. Es wird deutlich kuehler, angenehm. Unterwegs essen wir noch eine Kokusnuss. Ich bin ganz muede. Aber froh. In dieser Stimmung gehe ich dann auch ins Bett.