Ankunft in Guatemala

3:45 Uhr Familienfrühstück. Abschied – von Herzen – und für so lange wie noch nie bisher.

4:38 Uhr mit der S-Bahn via Ludwigshafen und Mainz nach Frankfurt zum Flughafen. In Haßloch Schrecksekunde: meine zunächst, mein Geld sowie alles wichtigen Karten zuhause vergessen zu haben. Finde sie aber im aller letzten Eck in meinem Gepäck dennoch. Gott sei Dank!

In Mainz beim Umsteigen grüßt mich aus der Menschenmenge heraus einer meiner zwei Schulfreunde, wir können gemeinsam bis Frankfurt fahren: ein überraschend schöner Abschied aus Deutschland.

Komme am Flughafen an Terminal 1 an. In nur 80 min. geht mein Flieger. Renne über die langen Wege, (Roll-)Treppen hoch, runter, links und rechts, dann noch mit der kleinen Bahn zu Terminal 2. Finde „Iberia“. Will einchecken. Leider gibt es nicht den versprochenen Karton, in den ich mein Rad verpacken soll. In 10 min. schließt die Mitarbeiterin von Iberia den Schalter. Auf meine Frage, wo ich nun einen Karton noch auftreiben soll, kann sie mir – verständlicherweise – keine Antwort geben. Als ich mich innerlich gerade darauf einstelle, mein Rad hier zu lassen und ohne Rad nach Mittelamerika zu reisen, wird die Kollegin plötzlich sehr zahm und sogar sehr hilfsbereit: ich könne ja Nichts dafür, dass sie keinen Kartn anbieten, also wäre sie zufrieden, wenn nich die Pedale abschraube und den Lenker quer stelle, dann könne das Rad auch so mit. Zudem könne ich mein weniges Gepäck als Handgepäck mitnehmen, dann müsse ich nicht einmal die 100 € für den Radtransport zahlen. Super! So mache ich es… Hoffe nur, dass ich mein Rad n Guatemala wieder sehe.

Flughafenkontrollen: strenger als ich es von meinen letzten Reisen kenne. meine beiden Radtaschen werden komplett geleert und durchsucht. Den 15er-Schlüssel darf ich – nachdem ich glaubhaft versichern konnte, dass ich den brauche, um in Guatemala meine Pedale wieder ans Rad zu drehen, „ausnahmsweise“ mit nehmen. Mein Wasser muss ich nonstop austrinken. Nur mein Messer muss ich zurück lassen, damit kann ich leben. Selbst in meine Unterhose wird mir gegriffen…

Komme noch rechtzeitig am Abflug-Gate an. Als einer der Letzten. Schnell geht es dann los. Einfacher Flieger. Snack und Getränk nur gegen (viel) Geld. Gut, dass ich noch was Essbares mit dabei habe. Immer wieder Luftlöcher. Für mich, der ich nicht gerne fliege, sehr unangenehm. Mir wird übel. Bin sehr froh, als wir in Madrid (in dichten Wolken) gelandet sind. Habe nur eine Stunde Zeit zum Abflug meiner Interkontinentalverbindung. Wieder über lange Wege zu einem weit entfernten Terminal (4S). Kann gerade noch meine Thrombose-Strümpfe anziehen und das Boarding erledigen, schon wird das Gate geschlossen. Nun ein größerer Flieger, auch viel besser ausgestattet. Fast nur noch spanisch sprechende Leute um mich herum – ich bin einer der Wenigen, die kein Spanisch („castelleon“) können. 11 1/2 Stunden Nonstop-Flug liegen nun vor mir. Angenehmer a gedacht. Zwei Mahlzeiten (nicht toll, aber immerhin vegetarisch) bringen etwas Abwechslung. Einmal stehe ich auch bewusst auf und gehe mal ein paar Meter, v.a. zur Thrombosevorbeugung. Aber weit gehen kann man in so einem Flieger ja nicht. Die Beinfreiheit am Sitz ist aber viel besser als im ersten Flieger. Lese viel. Von den überflogenen Regionen kann ich fast Nichts erkennen, da ich weit weg von einem Fenster sitze und die Meisten die Fenster auch verschlossen haben. Wir fliegen via Portugal über den Atlantik, streifen die Bermuda-Inseln, später die Südspitze von Florida und lassen Kuba (wohin ich auch sehr gerne gereist wäre) links liegen. Bei Cancun erreichen wir Mexico und erreichen bald darauf auch Guatemala-City. Landung auf dem Flughafen mitten in der Stadt. Eine dreiviertel Stunde Verspätung. Die Dämmerung beginnt, zuhause ist es aber schon nach Mitternacht. Christian Stich, ein Pfälzer aus Kaiserslautern und Leiter eines Stipendienwerks für junge indigene Menschen (Maya), holt mich ab. Für die 7km zum Projekthaus brauchen wir fast eine Stunde. Neben der nicht einfachen Verkehrssituation, zu der immerhin auch ein vor gut einem Jahr neu errichteter Radweg entlang der Ausfallstraße gehört, sehen wir noch Ministerien, das Fußball-Nationalstadion, das „westliche Viertel“ mit Hotels und Ausgehmöglichkeiten.

Ich darf auch im Projekthaus, das der Verein erst vor gut einem Monat übernommen hat, wohnen. Habe ein großes eigenes Zimmer. Obwohl Ferien sind, treffen wir dennoch rund ein Dutzend Studierende, die aktuell einen Englisch-Kurs haben. Sie haben mit dem Abendessen extra auf uns gewartet. Extra vegetarisch. Und sehr wohl schmeckend, z.B. Avocado-Creme, Bohnen, Tortillas, gebratene Kochbananen. Dazu ein Erdbeergetränk oder einheimisches Bier. Die Studierenden, vorzugsweise aus dem Volk der Maya, berichten mir von ihrem Leben. Von den Schwierigkeiten in einem Land mit großer Kluft zwischen Arm und Reich´, aber noch viel mehr von den fest´gefahrenen Traditionen, die oft auch ungut für die Entwicklung der jungen Generationen sind – und wie schwer es ist, sich aus diesen Traditionen zu befreien. Gerade junge Frauen sollen nach der Vorstellung vieler Eltern sich noch mit heiraten, Kinder bekommen, Haushalt übernehmen zufrieden geben. Diejenigen, die es hierher geschafft haben, konnten sich weiter entwickeln. Sie kamen oft aus fernen Dörfern in die fremde Hauptstadt. Oft konnten sie ihr Selbstbewusstsein steigern. Konnten nach einer Grundschulbildung weiter lernen und nun sogar studieren. Damit kommen sie aus den unguten Kreisläufen raus, können Berufe erlernen, mit denen sie sich und ihre Familien gut ernähren und zugleich oft noch anderen Menschen helfen können. Die menschliche Bildung und die Horizonterweiterung ist ein großes Ziel des Projekts. Es wird auch versucht, die Eltern bei diesem Prozess mit zu nehmen. Ziel ist auch, die dörflichen Gemeinschaften, aus denen die jungen Studierenden kommen, weiter zu entwickeln. Viele positive Beispiele hat das Stipendienwerk hier schon hervor gebracht. Ich bin beeindruckt. Und auch dankbar für diese Schilderungen, die aus dem Herzen kommen.Alle sind dankbar, dass sie diese Möglichkeit durch das Projekt (und die dahinter stehenden SpenderInnen) erhalten haben.

Nach diesem interessanten Abend, an dem ich auch sehr für die herzliche Aufnahme dankbar bin, gehe ich 25 Stunden nach meinem Aufbruch am Morgen in Neustadt, schlafen. Sehr dankbar.