Von Guatemala City ins Hochland

Schlafe tief, aber kurz. Habe mich noch nicht an die neue Ortszeit (7 Stunden „nach“ MEZ) gewoehnt. Sehr interessantes Fruehstueck mit Christian und einer seiner Mitarbeiterinnen. Die MitarbeiterInnen aus dem Projekt stammen auch alle aus einem der verschiedenen Maya-Staemme. Ihre eigentlichen Sprachen sind meist so verschieden, dass sie Spanisch als „Verkehrssprache“ brauchen, um miteinander sprechen zu koennen. Wir sprehen ueber die grosse Kluft zwischen Arm und Reich im Land, ueber die wenigen Herrschenden (ein Grossteil des Besitzes ist in der Hand einiger weniger Familien), ueber die Verquickung dieser Herrschenden mit den PolitikerInnen, ueber die nach wie vor stark verbreitete Geringschaetzung der Mayas im eigenen Land – die daher meist nur einfache Jobs erhalten. Ueber das enorme Stadt-Land-Gefaelle, ueber die noch deutlich vorhandene Ungleichbehandlung zwischen Frauen und Maennern. Dreifach maginalisiert sind also Maya-Frauen, die auf dem Land leben.

Weil ich die Gespraech so spannend empfinde, fahre ich spaeter los, als vorgenommen. Kurz vor 8 Uhr begleitet mich Christian noch die ersten km aus der Stadt. Viel Verkehr, viele Ampeln, staendiges abremsen, anhalten, wieder losfahren. Als wir auf der Ausfallstrasse angekommen sind, verabschieden wir uns. Nun bin ich allein unterwegs in das gut 200km entfernte Quetalzenango/Xela im Westen des Landes. Es ist schon mild, die Sonne strahlt mit Macht vom Himmel. Das Verkehrsaufkommen ist noch sehr stark, aber meist rollt es, die Strassen sind breit, meist sechsspurig. Die anderen Verkehrsteilnehmer fahren deutlich ruecksichtsvoller als ich es erwartet haette. Erste Huegel kommen, bald auch laengere Anstiege und auch Abfahrten. Ich geniesse meine ersten Radkilometer in Lateinamerika. Es rollt gut, ich bin gespannt auf das, was auf mich zukommt.

Der Strassenbelag ist oft gut. Die Landschaft erinnert mich ein wenig an Ruanda; viele Huegelketten. Ab und an tauchen beeindruckende Vulkane auf, manches davon sind sogar noch aktiv. Es rollt gut. Bald zeichnet sich ab, dass ich bis zur Dunkelheit mein Tagesziel erreichen sollte, das entspannt mich ungemein.

Immer wieder geht es auf und ab, ein Hoehenmessgeraet waere nun durchaus interessant. Guatemala-City liegt auf gut 1500m, mein Tagesziel auf knapp 2300m, dazwischen ist auf meiner Karte der hoechste Punkt auf dem gesamten interamerikanischen Highway (3670m) verzeichnet.

Manche Leute gruessen freundlich oder hupen mich aufmuntert an. Zu meiner Ueberraschung treffe ich auch einige einhische Radfahrer, sogar immer mal wieder welche mit Rennraedern. Auch zwei Reiseradler kreuzen meinen Weg.

Bei einer Pause moechte ich Brot kaufen, finde aber nur Kekse. Nachdem ich die Kekse gegessen habe, aber keinen Muelleimer finde, gebe ich den Verpackungsmuell der Verkaeuferin zurueck. Diese scheint verwundert (durchaus freundlich), nimmt das Papier und wirft es aus dem Fenster zur Strasse hinaus…

Am fortgeschrittenen Nachmittag dann der gut 10km lange Schlussanstieg zum angeblich 3670m hohen Pass, von Nahuala aus. Die Wolken ziehen auf, es wird frisch – aber durchaus noch angenehm. Oben kein Passschild, auch sonst keine touristische Einrichtung erkennbar. Lange Abfahrt.

In Quetalzenango/Xela wieder sehr viel Verkehr. Es ist die zweitgroesste Stand des Landes, mit allerdings nur rund 160000 Menschen. Verfahre mich ein wenig und muss lange suchen, bis ich das Buero von Carolina de Magalhaes Mayer im Centro Catolico finde. Carolina lebt und arbeitet seit 1989 in Guatemala, als sogenannte „Entwicklungshelferin“. 2005/06 war sie fuer ein Jahr in Deutschland und hat in diesem Jahr im Auftrag von Misereor viel mit mir zusammen im Bistum Speyer gearbeitet. Schoen, dass ich sie nun mal hier besuchen darf. Carolina arbeitet auf nationaler Ebene im Auftrag der guatemaltekischen Bischofskonferenz in den Bereichen „Gesundheit“ und „Kinder“. Sie zeigt mir ihr Buero. Wir treffen noch einen Kollegen von ihr, Luis. Er erzaehlt bei Kuchen und Tee von seiner Motivation fuer seine Arbeit als Verantwortler in der sogenannten „Kinderpastoral“. Die Kindersterblichkeit ist immer noch ziemlich hoch, mit den Programmen kann die Siatuation vieler Kinder verbessert werden. Trotzdem erlebt er auch immer mal wieder Kinder, die sehr frueh sterben muessen.

Carolina und Luis arbeiten in erster Linie in der Aus- und Weiterbildung von MultiplikatorInnen, mit denen sie dann auch Kontakt halten. Die MultiplikatorInnen vor Ort machen dann – wenn sie fuer diese Aufgabe geruestet sind – ihre Arbeit selbststaendig, werden aber noch begleitet. Haeufig gibt es fuer die verschiedenen Arbeitsberiche auch noch dioezesane Verantwortliche (in den 16 Dioezesen des Landes). Das sind dann die ersten Ansprechpersonen fuer Luis und Carolina.

Nur ganz am Rande erfahre ich, dass die Arbeitsbedingungen fuer die Beiden schon seit zwei Jahren schwierig sind, die Finanzierung des Projektes ist sehr eng. Zuerst streichen sie daher an ihrem Gehalt, die letzten beiden Jahre waren „sehr mager“. Offenbar sind sie aber vom Sinn ihrer Arbeit so angetrieben, dass ihr Einsatz dennoch unvermindert bleibt. Der Kampf um finanzielle Unterstuetzung ist ein staendiger Begleiter ihrer Arbeit.

Wir fahren zu Carolina und Mario. Ich darf bei beiden zuhause uebernachten. Bin sehr herzlich willkommen hier. Da im Hochland gerade Apfelzeit ist, hat Carolina eine Apfelsuppe (mit Paprika) gemacht. Schmeckt lecker. Dankbar fuer die erfahrene Gastfreundschaft falle ich ins Bett.