Ungekannter dauerfter Niederschlag – extremer Tag – Ankunft in Sarajevo – Treffen meiner Reisegruppe

Schlafe (allein schon weil die Zimmer – wie in den letzten Tagen auch – überhitzt sind) bei offenem Fenster. Um 4 Uhr werde ich von Dauerregen geweckt.

Um 7 Uhr bin ich als einziger Gast zum Frühstück. Noch ist Nichts gerichtet. Das Frühstück ist simpel: Weißbrot mit in PLastik abgepackter Marmelade. Dazu Schmelzkäse (den ich seit meiner Jugend nicht mehr gegessen habe). Brot kann ich nachbestellen. Bin aus praktischen/pragmatischen Gründen von „vegan“ auf „vegetarisch“ umgestiegen. Auf Wurst und Omlett, was anscheinend der Kern des hiesigen Frühstücks bilden würde, habe ich gleich (freundlich) abgelehnt. Dazu gibt es noch einen (starken!) bosnischen Kaffee, wobei das Kaffeemehl mit heißem Wasser übergossen wird (und der Sud dann auch im Kaffee bleibt).

Als ich meine Rechnung zahle und sage, dass ich die Quittung nicht brauche, weist mich der Mann der Rezeption daraufhin, dass ich die Quittung unbedingt für den Fall brauche, dass die Polizei mich anhalten würde und wissen wollte, wo ich letzte Nacht verbracht habe…

Denke an Friedrich, dessen Nachtzug nun bald in Zürich ankommen sollte.

Als ich mein Rad vor der Tür packe, sieht mir der Kellner mit – wie ich finde – sehr melancholischem Blick ganz genau durch die Fensterscheibe zu.

Dann geht es los auf die verbleibenden gut 170km bis Sarajevo. meine KollegInnen sitzen bereits im Zug von Mannheim nach Frankfurt Flughafen.

Die Straßen sind schon sehr nass, das Wasser steht oft schon tief. Meine Schutzbleche helfen kaum. Der Regen von oben ist stark, konstant stark. Die mich überholenden und auch die mir entgegen kommenden Autos spritzen mich oft noch einmal zusätzlich nass, bei LKW schließe ich schon automatisch die Augen. Nach wenigen km bin ich bereits bis auf die Haut nass. Die Wolken sind sehr tief, die Berge kaum zu erkennen. Es ist duster. Vom Wetter her fast Weltuntergangsstimmung.

Aber ich habe mich darauf eingestellt, will daher kaum Pausen machen, möglichst immer in Bewegung bleiben. Ich spüre selbst, wie mental stark ich unterwegs bin und diesem unangehmen Wetter trotze. Ich will nach Sarajevo! Fahre zügig im immer leicht ansteigenden Tal von Jajce nach Donja Vakuf. Danach nimmt die Steigung deutlich zu. So wird es auch deutlich kälter – im Tal waren es noch 8 Grad. Aber auch oben bleiben die Temperaturen Gott sei Dank im Plusbereich, der Regen geht auch nicht in Schnee über. Die Abfahrt wird angesichts meines völlig durchnässten Körpers dennoch sehr heftig, ich beginne stark zu frieren. Im Tal nimmt dann auch noch der Verkehr stark zu. Komme nach Travnik. Mache ein Pause, gehe in ein Lebensmittelgeschäft. Aber hier geht es nicht so verständnisvoll wie vor drei Tagen in Kärnten zu. Ich zittere am ganzen Leib, merke aber, dass ich nicht hier im Geschäft bleiben kann. Sehe ein Cafe. Ein junger mann kommt gerade aus diesem Cafe heraus auf mich zugerannt. Ich verstehe von ihm nur das Wort „Cafe“. Ja, da wollte ich eben ohnehin gerade hin…

Aber als wir am Cafe sind, sagt er etwas von „seinem Haus“. Bald sind wir auch in einem mehrstöckigen Wohnhaus. Er nimmt mir mein Rad ab und stellt es in das Haus. Er führt mich zur Wohnung im dritten Stock. Dort ist schon seine Freundin. Sie machen (zum ersten Mal seit Frühjahr?) den Ofen an. Es scheint für die Beiden sehr warm zu werden, denn sie haben bald nur noch ein T-shirt an. Ich aber friere nach wie vor stark. Der Ofen entwickelt bald eine auch für mich spürbare Wärme, kann Manches zum Trocknen aufhängen und Wasser in meiner Blechtasse erhitzen – das alles tut gut. Sie bringen mir zu essen. Ich will mit ihnen – auch meine Sachen – teilen. Sie aber wollen Nichts essen. Die Wohnung ist ganz schlicht, das Bad auch nicht sehr sauber, definitiv kein mitteleuropäischer Standard. Trotz aller Sprachbarrieren können wir miteinander kommunizieren, wir malen uns die wichtigsten Dinge auf: die beiden heißen Amer und Andrea. Ich zeichne ihnen auf, dass ich nach Sarajevo radle, die restliche Reisegruppe bereits im Flieger von Frankfurt nach Sarajevo sitzt. Warum ich nicht mitgeflogen bin, kann ich v.a. ihm nicht verständlich machen. Amer verhält sich gegenüber seiner Freundin wie ein starker Macho. Wie ein junger Hirsch. Aber zu mir sind beide sehr freundlich. Amer schaltet auch direkt den großen Flachbild-TV an, obwohl wir nie darauf schauen. Wohl um zu zeigen, zu was sie es schon gebracht haben. Kurz aber sehe ich Bilder von Flüchtlingen auf dem Balkan.

Amer will mit mir rauchen, sogar Hachisch. Auch hätte er gerne meine Laufschuhe und fragt, für wie viel ich sie ihm verkaufen würde. Dass ich die kommenden Tage damit noch joggen möchte, kann er kaum verstehen.

Als ich nach fast zwei Stunden – endlich wieder aufgewärmt, zusammen packe, kommt seine Mutter heim und schipft stark mit ihm. Offenbar ist es ihre Wohnung. Ich verstehe nur, dass „sie kein Hotel“ sind. Die Beiden sind erst eingeschüchtert, verteidigen sich dann aber doch in dem Sinne, dass sie so einen frierenden Menschen doch nicht einfach auf der Straße stehen lassen können. Ich packe nun umso schneller (besonders die Klamotten über dem Ofen), entschuldige mich vielmals und bedanke mich herzlich bei den beiden Jungen und mache mich aus dem Staub.

Wieder im Regen. Erstmal mit frischer Power. Sehr viel Verkehr. Sehr schnell wieder bsi auf die Haut nass. In Vitez viele, viele Einkauscenter. Ich versuche nicht anzuhalten. Immer weiter. Denke an die Kindergeschichte von einem Tier, das auf seiner Reise viele Erfahrungen macht, die die meisten Menschen als Erschwernisse ansehen würden. Er habe hat in all dem immer wieder die positiven Aspekte gesehen. Ich suche die positiven Aspekte des Dauerregens für mich heute…

Mir wird wieder kalt. Der Verkehr nimmt immer mehr zu, je mehr ich mich der Hauptstadt nähere. Oft ist die Straße eng. Ich empfinde Stress. 20km vor Sarajevo erkenne ich nur noch die Autobahn. Ich frage an einer Tankstelle nach – und bekomme die Auskunft, dass ich die Autobahn nehmen solle…! Mache ich dann auch, nach ein paar km wird mir das aber zu stressig, zumal gerade die 30cm am rechten Straßenrand mit Surrillen ausgefüllt sind und ich keinen Seitenstreifen habe. Fahre nach Ilidza ab. Verfahre mich. Muss wieder zurück. Das Wasser steht teilweise – gerade in Senken – so stark auf der Straße, dass die Autos teilweise die Straße verlassen und auf den Gehwegen fahren… Irgendwann finde ich einen Radweg nach Sarajevo. Dieser wird zwar ständig von Querstraßen unterbrochen, aber immerhin führt er mich langsam ins Zentrum der Stadt. Muss noch ein wenig suchen, bis ich meine Unterkunft finde (Priesterseminar des Erzbistums Sarajevo). Werde schon vom Pförtner („Herbert“) extrem freundlich empfangen, er stand vor der Tür im Regen. Sehr freundlich, ich fühle mich gleich fast wie zuhause. Es ist trocken und warm – ich bin froh da zu sein. Meine KollegInnen sind bereits gelandet und haben gerade einen Kaffee getrunken. Es gibt ein großes „Hallo“.