Vertiefte Einblicke in die Siatuation des Landes

Mit der Dämmerung (gegen 7 Uhr) starte ich einen Jogginglauf durch Sarajevo, zunächst durch die Altstadt – vorbei an Kathedrale, Synagoge und Moschee. Allein diese räumliche Nähe der Religionen fasziniert mich sehr. Komme an die Brücke, an der vor 101 Jahren der österreichische Thronfolger erschossen wurde, was als Auslöser des ersten Weltkrieges gilt. Es hat aufgehört zu regnen, aber die Berge sind noch in schweren Wolken gehüllt – gerne hätte ich noch einen Abstecher in die Berge, in denen die olymischen Wettbewerbe 1984 stattgefunden haben, gemacht. Jogge entlang des zentralen Flusses Miljacka. Als ich das Znetrum der Stadt Richtung Osten verlasse, wird es richtig schön. Leider kommen mir einige streunende Hunde entgegen, so dass ich umkehre. Komme dann in das muslimische Viertel, ein Soldatenfriedhof mit vielen Toten des Bosnien-Krieges fällt mir dort besonders auf. Dramatisch zu sehen, wie viele ganz junge Menschen ihr Leben aufgrund des Krieges lassen mussten. Ungezählte Einschusslöcher an sehr vielen Häusern fallen mir auf. Auch 20 Jahre nach diesem fürchterlichen Krieg scheint dieser nach wie vor sehr präsent. Ich sehe wenige fröhliche oder lachende Menschen auf der Straße, es scheint eine gewisse Schwere über der Stadt und ihren Menschen zu liegen.

Nach dem Frühstück besuchen wir das Schulzentrum St. Joseph. Diese erste „Schule für Europa“ in Bosnien-Herzegowina (BiH) wurde mitten im Krieg 1994 eröffnet: sie sollte selbst in dieser schrecklichen Zeit zeigen, dass die drei unterschiedlichen Ethnien des Landes zusammen leben können. Zu dieser Zeit lebten die drei Ethnien bereits stark vonaneinander separiert. In die Schulen für Europa aber gehen immer SchülerInnen und LehrerInnen aller Ethnien (kroatisch, serbisch und bosniakisch). Die Grundidee ist, dass die Kinder durch das gemeinsame Lernen und Leben sich gegenseitig kennen- und gar schätzen lernen. Dass sie ihren eigenen Standpunkt finden (für alle Religionsgemeinschaften gibt es auch je eigenen Religionsunterricht) und von diesem Standpunkt aus Toleranz gegenüber den anderen Religionen üben und leben. Das Konzept dieser Schulen scheint aufzugehen, sie sind immer – trotz insgesamt im Land zurück gehender SchülerInnenzahlen – ausgebucht. Es gibt für alle Kinder eine neunjährige Grundschulzeit und danach entweder eine Art gymansiale Oberstufe bzw. eine Krankenpflegeschule.

Von unserem Gesprächspartner, Weihbischof Sudar, bekommen wir noch viele weitere Eindrücke aus dem Land: die Erwerbslosenquote liegt bei 48%, bei Jugendlichen um die 65%. Viele Jugendliche sehen daher keine Perspektive – und wandern aus. Das Land blutet regelrecht aus. Viele gut ausgebildete Jugendliche werden abgeworben – z.B. auch AbsolventInnen der Krankenpflegeschule, die bei europäischen oder nordamerikanischen Pflegeeinrichtungen als gut ausgebildete und zugleich preiswerte Arbeitskräfte gelten.

Die politische Situation im Land ist nach wie vor sehr schwierig. Der Vertrag von Dayton zur Beendigung des Bosnienkrieges (1995) hat zwei Systeme geschaffen: die Republika Srpska mit 49% der Landesfläche (in der vorwiegend die serbische Bevölkerung lebt) und die Föderation, in der fast nur BosniakInnen und KroatInnen leben. Die Föderation wird noch einmal in 10 Kantone unterteilt. Auf Landesebene hat der Vertrag von Dayton einen Ausgleich gesucht, in dem alle wichtigen Ämter unter den Ethnien aufgeteilt werden und viele mit Vetorecht ausgestattet sind. So aber gibt es ständig gegenseitige Blockade. Die Spannungen zwischen den Ethnien wird durch diesen Vertrag offenbar noch weiter verstärkt. Alle Ethnien sehen sich benachteiligt.

Im Krieg wurden 63 % der gesamten Bevölkerung vertrieben!

Wirtschaftlich wird durch die sehr angespannte Lage im Land jede Investition erschwert. Die Wirtschaftsleistung soll bei nur noch 10 % von vor dem Krieg liegen. Die Zukunftsaussichten des Landes sähen düster aus. Einzig das Einüben in Dialog und Toleranz könne dem Land helfen.

Nach diesem doch sehr desillusionierenden, aber zugleich auch sehr interessanten Gespräch schlendern wir über den Markt (tolle frische Lebensmittel!) und den Bazar in der Altstadt.

Nachmittags besuchen wir das etwas außerhalb gelegene Jugendzentrum „Johannes Paul II“. Ich fahre mit dem Rad hin, denn der Länderreferent für BiH glaubt, dass mir dort ein ein dortiger Mitarbeiter bezüglich meines Höhenschlages weiter helfen könnte. Das stimmt auch. Ein Mitarbeiter in der Einrichtung fährt selbst viel Rad und sagt mir zu, dass er mein Rad morgen früh zum hiesigen Radhändler bringt und ich es morgen Abend dann repariert wieder abholen kann.

Das Jugendzentrum selbst ist die Einrichtung für Jugendliche der Kath. Kirche im Land. Das Zentrum ist groß und wird immer weiter ausgebaut. Der zuständige Jugendpfarrer hat auch viele Visionen und Tatkraft. Sie müssen sich selbst finanzieren, was sie z.B. durch die Vermietung ihrer Sporthalle und auch einer Tiefgarage versuchen. Sie sind aktiv in der MultipilkatorInnenausbildung. Ihnen ist wichtig, dass bei verschiedensten Aktivitäten Jugendliche aller Ethnien sich beteiligen, in der Hoffnung, dass durch gemeinsames Tun Vorurteile abgebaut werden – s.a. www.mladicentar.org

Am Abend feiern wir noch einen Gottesdienst im Stadtzentrum. Danach sind wir zum Abendessen Ehrengäste in der hiesigen „Schule für Europa“. In langen Gesprächen können wir die vielen Eindrücke des Tages verarbeiten.