04. März

Nächte in dünnen Motelwänden sind selten geräuscharm. TVs, Straßenlärm, Geschrei. Die Gewitterfront hat die Temperaturen wieder in den Keller gejagt, der Winter ist zurück. Keine Seitenstreifen mehr, aber nicht gerade weniger Verkehr. Weiterhin immer mal wieder ganz schön holprige Straßenabschnitte. Mental bin ich ein bisschen müde. Die offensichtliche Herausforderung fehlt. Atlanta ist bereits zu nahe und ich habe noch zuviel Zeit, es zu erreichen. Zu kühles Wetter, als dass das Radeln wirklich Spaß machen könnte. Zu viel Eintönigkeit in dieser amerikanischen Weite, weinige spezielle Höhepunkte dazwischen, weder landschaftlicher, noch kultureller Art. So kommt mir eine Bibliothek gerade recht. Ich kann hier Internet nutzen und meinen 47. Reisebericht schreiben. Es ist natürlich toll für die Reisekasse, dass es in den USA einige öffentliche und damit kostenfreie Internetmöglichkeiten gibt. Weiterradeln, noch mal gut drei Stunden. Langsam gehen die für die Südstaaten anscheinend so typischen Hügel los. Im Etappenziel Winowa. Erstes Motel bei weitem zu teuer, das Zweite eigentlich auch über der Schmerzgrenze (60 DM). Wie so viele Motelmanager in den USA kommt auch jener hier aus Indien. Er fühlt mein Problem. Ich solle zur Kirche im Ort gehen, die könnten mir helfen. So kündige ich telefonisch beim Pfarrer mein Kommen an. Dann erklärt mir der Inder das hiesige System: Die Kirche würde finanziell Bedürftigen die Motelkosten übernehmen. Na, DAS will ich dann eigentlich auch nicht. Denn dieses Geld muss ja irgendwo herkommen, wohl von Spenden. Denn die Kirchen in den USA werden an sich lediglich über Spenden ihrer Gläubigen finanziert. So rufe ich wieder beim Pfarrer an, erkläre ihm mein Anliegen und dass es wohl Menschen gäbe, die diese Hilfe notwendiger als ich bräuchten. Der Inder hat mir inzwischen eh einen günstigen Sonderpreis zum übernachten hier angeboten. Aber der Geistliche lässt sich nicht davon abbringen, eine Nacht für mich zu übernehmen. Also gut, vielen Dank! Sage noch einer, man könne die Kirchen nicht gebrauchen. Und das Motelzimmer ist das Angenehmste, das ich bisher in den USA hatte.

So schlafe ich schön aus. Heute noch kälter. Thermohose und Winterhandschuhe müssen wieder ausgepackt werden. Hügelchen. Winkende Menschen. Die Schwarzen wirken dabei manchmal schüchtern, dafür umso herzlicher. Die Essenspausen im Grünen genieße ich. Denn mir ist jetzt schon klar, dass sie mir bald abgehen werden, wenn ich wieder in geheizten Räumen und mit feinem sowie picobello sauberem Besteck und Geschirr speisen werde. So aber habe ich gelernt, dass ein Löffel eine wunderbare Allzweck«waffe« ist, mit dessen Hilfe ich alles öffnen, schmieren und essen kann. Teller, Messer und Gabel habe ich schon seit Monaten nicht mehr. Auf dem Rad läuft wieder alles ohne »besondere Vorkommnisse«. Alles im Leben – eben auch das Reisen mit dem Rad um unseren Globus – wird zur Routine. Am Abend in Columbus. Nettes Städtchen. Neben den inzwischen gewohnten Backsteinkirchen gefallen mir auch die Säulen bestandenen Kolonialbauten. Am Abend lockt mich ein gegenüber meinem Motel gelegener Jazz-Keller. Schummrig, gemütlich. Eine Band spielt, fetzig. Aber der Biker ist müde, trinkt nur ein Bierchen und begibt sich bereits in die Heia, nachdem er noch eine Weile diese Atmosphäre genossen hat.