06. Juli

Ich bin froh, dass die Nacht rum ist, aber aufstehen will ich auch nicht. Das ist zu anstrengend. Aber manchmal werde ich gezwungen aufzustehen: Entweder wegen den Kreuzschmerzen oder auch wegen dem wieder richtig einsetzenden Durchfall. In den letzten Stunden habe ich so viele Tabletten wie noch nie in meinem Leben genommen: Die wöchentliche Malariatablette, Aspirin gegen die Kopfschmerzen und erst schwache (»Tannacomp«), dann starke Tabletten (»Immodium aktiv«) gegen den Durchfall. Wenigstens letzteres Problem verschwindet bald. Dennoch fühle ich mich weiterhin so schwach, dass selbst das Sitzen eine Qual ist. Mein Ruhepuls (86) ist ungefähr doppelt so hoch wie normal. Christoph, was hast du nur? Im Zelt wird es so warm, dass ich es an beiden Seiten öffne, damit der Durchzug mich kühlen kann. Das halb geöffnete Zelt hat aber den großen Nachteil, dass vorbeikommende Leute mich minutenlang anstieren, wie Menschen in Mitteleuropa das mit Affen im Zoo machen. Das Beste, was man dann noch machen kann, ist sich schlafend zu stellen. Inzwischen habe ich seit bereits 20 Stunden nichts mehr gegessen und auch nur meinen verbliebenen dreiviertel Liter Wasser getrunken. Aber ich bin zu träge, um das Zelt abzubauen. Dann kommen Kinder vorbei und lassen mir absolut keine Ruhe. Es werden immer mehr, sie lachen und schreien laut »Hallo«. Ich versuche ihnen mit trübem Gesichtsausdruck, Deuten auf meinem lädierten Magen und dem Zeichen, dass ich schlafen will, klar zu machen, dass ich meine Ruhe brauche. Das nutzt alles nichts. Sie verstehen mich nicht oder wollen mich nicht verstehen. Nach einer Weile weiß ich mir nicht mehr anders zu helfen, als sie anzuschreien und dem Wildesten hinterher zu rennen, was mir fast einen »Herzkasper« einbringt. Und sie kommen immer wieder. Ich bin mit meinem Latein am Ende und verzweifelt. Da kommen mir zwei ältere Burschen gerade recht. Sie wollen mich beschützen und vertreiben die wilde Horde immer wieder aufs Neue. Einer bringt mir dann sogar einen Liter abgekochtes Wasser. Dennoch: Ich muss hier weg! Unter Aufwendung all meiner Kräfte baue ich- mit vielen Pausen dazwischen – mein Zelt ab, gehe zur Straße und stoppe einen Truck. Dieser soll mich nach Tsetang bringen, wo ich meine drei Radkumpels wieder finden will. In dem Truck fühle ich mich gleich viel wohler, fast wie in der Türkei. Die Zeichensprache hat mal wieder Hochkonjunktur. Ich rauche mit ihnen sogar meine erste Zigarette seit der Türkei. Der Lkw tuckert, braucht für die 53 km über eineinhalb Stunden, obwohl die Straße hier gut ist. Wäre ich fit, hätte ich gerade hinterher radeln können. In Tsetang suche ich sofort den vereinbarten Treffpunkt, das »Himalayan Tibetan Hotel«. Da ich einen Stadtplan habe, bin ich schnell an dem Ort, an dem das Hotel sein müsste. Aber ich finde und finde es nicht. Ich frage alle möglichen Leute, aber immer die gleiche »Antwort«: Die Leutekichern und nicken immer für »Ja«, auch wenn ich ihnen Fragen gestellt habe, auf die man gar nicht mit »Ja« oder »Nein« antworten kann. Aber so ist das halt mitten in Asien. Und überall nur chinesische Zeichen. Nach eineinhalb Stunden in vielen Häusern und Hofeinfahrten gebe ich es entnervt auf, dieses Hotel zu finden. Da soll es noch ein Anderes geben. Dies finde ich auch recht schnell, aber es ist sündhaft teuer. Aber immerhin bekomme ich eine Spur von meinen Kumpels. Sie seien heute Mittag hier gewesen, man habe sie dann in ein billigeres Guesthouse geschickt. Ich gehe zu eben diesem. Auch dieses ist nicht gerade billig, meinen Mitstreitern zu teuer. Sie wären mit dem Ziel »unbekannt« verschwunden. So werde ich sie heute auch nicht mehr finden. Ich beschließe angesichts meines Gesundheitszustandes hier zu schlafen. Ich checke ein. Auf meinem Anmeldeformular trage ich bei »Nationalität« wie immer »Germany« ein. Die Dame an der Rezeption versteht dies nicht, ich versuche es mit »Allemagne«, dann mit »Europe«, alles erfolglos. Sie ruft einen Mann an, der gut Englisch kann und bei mir nachhakt. Dann fragt er mich, ob ich mit dem Rad oder dem Bus da bin. Ich antworte mit dem Rad, aber ich sei mit dem Truck gekommen. Und am Ende des Gespräches wird offenbar, was ich vermutet habe: Er ist von der »PSB«, der chinesischen Polizei. Das sieht nach einem nächtlichen Besuch aus. Im Hotel warte ich nur noch einen kleinen, scheinbaren Grund ab, um meine Buchung für die Nacht rückgängig zu machen. Nur weg! Aber wenigstens will ich was essen. Ich gehe in ein Nobelrestaurant, da ich dort wenigstens eine saubere Küche erwarte. Aber obwohl die Portion nicht riesig ist und ich in den letzten 31 Stunden nur einen Keks gegessen habe, kann ich zum ersten Mal in meinem Leben beim besten Willen nicht aufessen. In der Dunkelheit spaziere ich todmüde aus der Stadt und baue außerhalb mein Zelt auf, bevor ich in einen Tiefschlaf versinke.