12. Juli

Eigentlich wollten Fernando und ich heute am Morgen Richtung Nepal aufbrechen. Aber im (Reise-)leben kommt es oft anders als man denkt. Ausgerechnet gestern Abend hat Fernando noch eine nette Deutsche kennen gelernt und ist auch noch den halben Sonntag mit ihr »beschäftigt«. Ich bin ziemlich sauer auf ihn, denn es herrscht tolles Radelwetter. Aber was soll’s. So gehe ich eben noch mal in den Internetshop, beantworte ein paar Emails, erfahre, dass mein Sportidol Boris Becker es noch mal in das Finale eines größeren Turniers geschafft hat und dass Jan Ullrich einen recht guten Prolog bei der Tour de France hingelegt hat, treffe zwei nette Ehepaare aus dem Odenwald sowie von Linz, die mich zu Kaffee und Kuchen einladen. Zu guter Letzt schaue ich mir die geniale Webseite über meine Weltumradelung von meinem Tiroler Freund Johannes Kopf (http://unet.univie.ac.at/~a9119321/worldbike/) an und bin restlos begeistert. Bevor es dann doch noch losgeht, genehmige ich mir noch zwei große Pizzen. Endlich habe ich wieder richtig Appetit, das ist gut, denn ich habe ein paar Kilo »aufzuholen«. Hier treffe ich noch mal Charlie mit einigen seiner Schülerinnen. Mit seiner Klasse (16-jährige) ist er für sechs Wochen in Tibet und Nepal. Diese für die U.S.A. möglichen Reisen sind für europäische Schulklassen nur ein Traum. Charlie scheint mir ein toller Lehrer zu sein, denn er ist ein echter Kumpel und gleichzeitig eine Respektsperson für seine Schüler. Am Nachmittag brechen Fernando, den noch eine Bronchitis plagt, und ich, der ich wieder einigermaßen hergestellt zu sein scheine, auf. Die nächsten Stunden denke ich viel an meinen besten Kumpel aus Mainzer Studienzeiten, der genau um diese Zeit »Primiz« (erste hl. Messe eines Neupriesters) in seinem Heimatort Gross-Zimmern, bei Darmstadt, feiert. Zwei Jahre lang haben wir uns fast täglich über diese möglicherweise bewegendsten Momente im Leben eines Priesters unterhalten. Nun erlebt Markus diese Augenblicke, während ich auf meinem schwer beladenen Drahtesel versuche, mich im Hochland Tibets fortzubewegen. Die Lebenswege sind manchmal verworren und unergründlich. Markus, vergesse unsere Ideale nicht und versuche, ein lebendiges Zeugnis Jesu Christi zu werden! Am frühen Abend erreichen wir wieder das Dorf, in dem wir letzte Woche übernachtet haben und in dem meine Krankheit begonnen hatte. Wir essen sogar wieder das Gleiche (Reis mit ein bisschen Gemüse), da es eben das Einzige ist, das es hier gibt. Ich bin froh, als wir weiterfahren und wenige km später endlich auch Neuland betreten. Aber nur kurz hinter dieser Kreuzung beginnt ein starker – mit Hagelkörnern vermischter – Regen. Zum Glück sind nicht weit entfernt einige Häuser, in denen wir auch Unterschlupf finden. Der Regen nimmt kein Ende und Fernando schläft ein. Als er wieder aufwacht, beschließen wir, gleich hier zu übernachten. Der TV auf der Straße sowie das Musikgedudel aus dem Geschäft daneben lassen mich erneut fast verzweifeln. Aber diesmal stopfe ich mir ein bisschen Toilettenpapier in die Ohren, was alles etwas erträglicher werden lässt. Die Toiletten in diesem »Hotel« haben noch mal eine ganz neue, interessante Alternative aufzuweisen: Es gibt hier GAR KEINE! Was sollen wir machen? Uns bleibt nur die Möglichkeit, halt vom Dach zu pinkeln. Fernando unterläuft dabei ein »Unfall«: Als er sein Wasser lässt, läuft gerade eine Dame unten vorbei und bekommt eine »Ladung«ab. Sie schaut ganz verwirrt nach oben, sieht Fernando aber nicht und glaubt anscheinend, dass es wieder regnet. Auf das Fußball-WM-Finale Brasilien gegen Frankreich haben wir zu verzichten.