14. Juli

Wieder hält die Nacht ein paar überraschungen bereit: Gegen 1:00 klopft es an der Tür und schon im selben Moment kommt eine junge, vielleicht 15-jährige Dame in unser Zimmer herein. Ich meine zu erkennen, dass es jene ist, die uns auch das Zimmer vermietet hatte. Sie ist mit ihrer Freundin da und leuchtet mit einer Taschenlampe erst unsere Räder, dann unsere Betten ab. Dann reißen sie Fernandos Bettdecke hoch, um seine weißen(!) Füße zu sehen. In diesem Moment wird aus dem so friedlichen Fernando eine Bestie: Wie von der Tarantel gestochen springt er aus dem Bett und brüllt die zwei Frauen an, dass diese sehr erschrecken. Als sie weg sind, erklärt er mir, warum er so wütend war. Er war schon am Abend sehr müde und bat darum die uns das Zimmer vermietende Frau – aus seinen Chinaerfahrungen heraus – eindringlich, in der Nacht nicht vorbeizukommen. Aus europäischer Brille betrachtet wären diese Leute unverschämt, aber hier herrscht einfach eine andere Kultur. Privatsphäre ist hier halt kein Wert und es scheint sehr interessant für sie, den so fremden »Weißen« zu begutachten. Fernando fährt am Morgen ein Stückchen vor, da er ganz gemütlich »warm rollen« will. Aber bereits nach wenigen km erkenne ich ihn bei einem Landrover, der von ein paar Leuten umringt ist, stehen. Hat ihn die Polizei jetzt erwischt? Als ich näher komme, sehe ich, dass es sich um Touristen handelt. Gott sei Dank KEINE Polizei! Diese Leute sind auf ihrer ersten Erkundungsfahrt durch Tibet, um bald von der Schweiz aus Radtouren von Lhasa nach Kathmandu anbieten zu können. Da kommen wir als Informanten natürlich gerade recht. Im Gegenzug erfahren wir von ihnen, dass Frankreich Fußballweltmeister geworden ist, was Fernando stark verärgert und ihn zu der Bemerkung veranlasst, dass deren Staatspräsident Chirac dann wohl wenigstens keine Atomversuche mehr braucht. Das Tal wird breiter, die Berge flacher, so dass hier auch Landwirtschaft (Getreide und Raps) betrieben wird. Wir vertreiben uns die Zeit, indem wir jeweils dem Anderen Tipps für seine nächsten Reiseländer geben. Dies ist möglich, da wir aus genau der entgegen gesetzten Richtung kommen und ab Kathmandu auch wieder in entgegen gesetzter Richtung weiterreisen werden. Unter anderem rät mir Fernando, alle Dinge, die ich in Südostasien aufgrund der dortigen Wärme nicht brauche, gleich nach Australien vorzuschicken. Mir fällt es heute recht schwer. Ist es die immer noch nicht auskurierte Erkältung oder doch die Höhe? So machen wir einige längere Pausen, unterhalten uns über die deutsche (immer noch ist das so genannte »Dritte Reich« das Hauptthema für die meisten Ausländer), spanische und katalanische (Fernando kommt aus Barcelona und fühlt sich zuerst als Katalane und erst dann als Spanier; so wie ich mich meist auch zuerst als Pfälzer und dann – nach Europäer – als Deutscher ausgebe) Geschichte. Am Nachmittag erreichen wir die zweitgrößte tibetische Stadt, Xigaze (Shigatse). In unserem Hotel begegnet uns bald Martin aus Aarhus. Er ist mit einem in Lhasa für umgerechnet knapp 100 DM gekauften Rad ebenfalls auf dem Weg nach Kathmandu. Er erzählt uns, dass bei ihm am Morgen die allgewaltige »PSB« bei ihm an der Tür klopfte und ihn nach seiner »Permit« fragte. Er hatte keine, aber es gab keinen großen ärger, da die Strecke von Lhasa nach Xigaze erlaubt sei, von hier aber sei es strengstens verboten, weiter mit dem Rad zu fahren. Er wurde wiederholt aufgefordert, sich mit einem Reisebüro in Verbindung zusetzen und eine Tour im Landrover zu buchen. Das sind keine guten Nachrichten. Wie wird es uns ergehen? Erfreulicher ist, dass wir bereits hier – unerwartet früh – auf Spuren von Daniel und Wout treffen. Martin hat beide gestern kurz getroffen, sie sind also nur ca. einen Tag voraus. Am Abend sehen wir auf der Straße eine recht gewalttätige Auseinandersetzung zwischen der chinesischen Polizei und einigen (tibetischen) Einheimischen. Vor dem Schlafengehen will ich noch duschen. Aber in dem Raum, auf den ich verwiesen wurde, weiß ich wirklich nicht, ob es sich hier um einen Toiletten- oder einen Duschraum handelt. So gehe ich zu einer anderen, wirklichen Dusche. Aber entgegen dem versprochenen warmen finde ich nur kaltes Wasser vor.