20. Juli

Am Morgen offenbart sich, dass in dieser »nächtlichen Reisegruppe« auch eine vierköpfige kanadisch-französische Expedition ist, die wie wir zu Camp III des Mount Everest wollen. Sie sind mit dem besten Material ausgestattet und halten unser Vorhaben, in ca. drei Tagen vom Base-Camp (5150 m) zu Camp III (6340 m) aufzusteigen, für »lebensgefährlich«. Man müsse sich ca. neun Tage Zeit lassen, um sich akklimatisieren zu können. Als ich darüber laut lache, redet anschließend nur noch einer von ihnen mit mir. Dann geht es los. Das erste Hindernis des Tages stellt der Checkpoint nur 7 km hinter der Stadt – an der Kreuzung der Straße nach Nepal und in den Westen Tibets (u. a. zum Kailasch, dem heiligen Berg Tibets) – dar. Wir haben ein bisschen Bammel davor. Martin und ich pfeifen ein paar Liedchen, Fernando fragt einen der Kontrollposten, ob wir nach links oder nach rechts abbiegen müssen. Dabei lächeln wir. dumm stellen ist oft nicht das Dümmste, was man machen kann. Viele Kinder am Straßenrand wollen Quarze verkaufen. Entertainer Fernando (unterwegs auf der Straße wie auch in den Restaurants) unterhält die Kinder, indem er mit ihnen Lieder einstudiert. Die Kinder sind begeistert und rennen uns dementsprechend so lange hinterher, bis ihre Puste ausgeht. Nun beginnt das zweite, wesentlich größere Hindernis des Tages, der von 4050 m auf 5220 m ansteigende Pass »Lhakpa La«. Ich fühle mich – für »tibetische Verhältnisse« – recht gut und fahre mit Fernando ein ziemlich hohes Tempo. Wir machen öfters Pausen, um auf Martin, den weiterhin Magenprobleme plagen, der sich aber bravourös höher und höher kämpft, zu warten. Die bisher unwirtlichste Landschaft mit ihren zerklüfteten Bergen behagt mir. Uns begegnet ein Truck, der den ganzen Weg von London bis hierher mit einer siebenköpfigen Reisegruppe in drei Monaten zurückgelegt hat. Sie erzählen uns, dass es bis zum Pass nur noch 3-4 km seien. Na, dann ist dieser Pass also gar nicht so wild. Leider geht gerade hier die Batterie meines Fotoapparates aus. »3-4 km« sind längst rum, wir erwarten hinter jeder Kurve den Pass, langsam wird es schwer, die Luft doch spürbar dünner. Bis hierher konnte ich noch recht locker 32-23 treten, nun muss ich schrittweise bis auf 22-23 runterschalten, obwohl es auf keinen Fall steiler geworden ist. Mein größtes Problem ist aber, dass der Durchfall wieder einsetzt, und zwar heftig. Ca. alle 20 Minuten muss ich vom Rad und meinen Magen-Darm-Trakt entleeren. Gleichzeitig geht mein nun umso mehr benötigter Wasservorrat aus. Da kommt ein Landcruiser gerade recht. Die Insassen geben uns Wasser und der Fahrer meint, dass der Pass direkt hinter der nächsten Kurve sei, ca. 1/2 km von hier. Toll, aber stimmt es diesmal? Die »3-4 km« sind auch schon zu 11 km geworden. Auch hinter der nächsten Kurve ist kein Pass, dafür muss ich wieder zur Toilette und ich werde schwächer und schwächer. So fährt Fernando vor. Weitere 3 km sind vorbei und noch immer ist kein Pass in Sicht. Ich könnte diesen verdammten Autofahrern mit ihren beschissenen Auskünften gerade in den Hintern treten. Wissen die überhaupt, was in unsereins vorgeht? Wollen sie uns vielleicht sogar verarschen? Aber 1 km später ist tatsächlich der Pass erreicht! Ich befinde mich auf 5220 m! Fernando hat mit einigen Nomaden bereits gewartet. Es folgen die Gipfelfotos (leider eben nur mit Fernandos Kamera; ich gebe ihm einen Film, er will manche Fotos doppelt machen und mir dann zuschicken): Zwischen weiteren »Toilettenbesuchen« versuche ich, den locker-flockigen »Gipfelstürmer« zu spielen. Von hier haben wir zum ersten Mal den Blick auf die schneebedeckten Nordwände der höchsten Berge unserer Erde! Es wird verdammt kalt, wir warten auf Martin. Zum ersten Mal seit dem Osten der Türkei brauche ich mal wieder meine Winterklamotten. Die Straße auf der Abfahrt ist sehr schlecht, wir müssen ganz langsam fahren. Zudem muss ich – wenn meine Krämpfe besonders stark werden – mich wieder am Straßenrand »nieder setzen«. Weit komme ich heute nicht mehr, da kommt ein Truck-«Hotel«. Meine Rettung! Oder doch nicht? Denn Fernando ist es zu dreckig und zu teuer. Ich erkläre ihm, dass ich aber nicht mehr weiter kann und hinter dem nächsten Hügel mein Zelt aufbaue, was ich dann auch tue; Fernando und Martin wollen aberscheinbar angesichts des aufkommenden Regens in einem Haus übernachten. So lassen sie mich zurück und fahren weiter. Ich fühle mich beschissen. Kameradschaft scheint es in Höhen von über 5000 m wohl nicht mehr zu geben, jeder kämpft hier nur noch um sein eigenes überleben. Ich bin enttäuscht, aber zuviel erwarten darf man von Anderen wohl sowieso nicht. Im beginnenden Regen baue ich mein Zelt auf, esse zwei Packungen Instant-Nudeln mit meinem letzten vorhandenen (eiskalten) Wasser und krieche mit all meinen Klamotten vom Pass in den klammen Schlafsack.