23. Juli

So wasche ich mir am Morgen wenigstens mit kaltem Wasser und Seife im Freien meine Haare, was angesichts der noch herrschenden Kühle nicht unbedingt ein Vergnügen darstellt. Bevor wir losfahren, nehmen wir noch unser letztes großes Mahl in der (Fast-)Zivilisation ein: Erst Bratkartoffeln und dann noch Nudeln mit Gemüse. Die ersten km führen uns über Asphalt. Was ist das für ein Gefühl?! Man kann es einfach rollen lassen. Nach 5 km kommt der anscheinend gefürchtetste Checkpoint auf der gesamten Strecke von Lhasa nach Nepal. Da wir niemanden (auf Anhieb) sehen, kriechen wir unter der Schranke durch und wollen gleich weiter fahren. Da kommt aber ein Beamter aus dem Häuschen. Wir halten an. Unsere Reisepässe werden eingezogen und der Beamte verschwindet wieder in seinem Häuschen. Warten. Dann aber kommt er wieder und alles ist o.k. Er will nicht mal unsere »Permit« sehen. 11 km später folgt bereits die »Straße in den Himmel«: Die nächsten 85 km sollen uns zum Everest-Base-Camp bringen. Wieder nur 5 km darauf folgt aber bereits der nächste Checkpoint. Und hier sind sie wirklich nicht freundlich. Um den hiesigen Naturpark betreten zu dürfen, sind umgerechnet wieder knapp 15 DM fällig. Und außer Geld interessiert diese Leute scheinbar gar nichts. ANGEBLICH soll dieses »Eintrittsgeld« für die Verbesserung dieser »Straße« verwendet werden, was ich aber nicht glauben kann. Denn dieser »schlechtere Feldweg« spottet zeitweise jeder Beschreibung. Zum Wandern mag er ja noch geeignet sein, aber zum Rad fahren? Gleich nach dem »Zahlcheckpoint« geht es richtig zur Sache: Die »Straße« ist manchmal nicht einmal von dem sie umgebenden (besser vereinnahmenden?) Geröllfeldern zu unterscheiden. Riesige Steine lassen uns nur selten Rad fahren, meist müssen wir schieben. Hier sowieso, denn so »nebenbei« geht es auch noch ca. 1000 m höher auf wieder 5200 m. Martin und ich meistern das gemütlich, Fernando flotter. Einige Stunden später auf der Passhöhe folgt dann DER faszinierende Moment: Vom einen auf den anderen Augenblick können wir fünf(!) Achttausender erkennen, in der Mitte der Chomolungma (Mount Everest)! Wir machen einige Fotos und sind plötzlich in einem wahren Hochgefühl, das aus einer Mischung von Begeisterung und Andacht besteht. Im Vordergrund die in allen Brauntönen gehaltenen Berge, wovon sich die schneebedeckten Bergriesen im Abendlicht im Hintergrund absetzen. Den Großteil der folgenden Abfahrt können wir auf nun etwas besserer Straße gerade noch meistern, da dämmert es bereits stark. So nehmen wir das Angebot eines Englisch sprechenden Tibeters gerne an, bei ihm zu übernachten. Auf abenteuerlichem Weg (Flüsse, Steine, Abhänge) gelangen wir mit großer Anstrengung zu seinem Haus. Sein dunkles Haus wird nur von Kerzenlicht erhellt und strahlt eine sehrgemütliche Atmosphäre aus. Unser noch relativ junger Gastgeber kümmert sich rührend um uns, die Familie bleibt im Hintergrund. Wir unterhalten uns über Tibet, Dalai-Lama-Bilder, wegen denen immer wieder Tibeter ins Gefängnis müssen, wenn welche in ihrer Wohnung entdeckt werden, was unseren gebildeten tibetischen Freund aber nicht davon abhält, ein sehr schönes Bild des Dalai-Lama mitten in seinem Wohnzimmer aufzuhängen.