24. Juli

Hier in Tibet machen mir manche (immer wieder die gleichen) Bedürfnisse doch sehr zu schaffen. Schon früh am Morgen müsste ich auf die Toilette, aber um zur Toilette zu gelangen, müsste ich durch das Schlafzimmer der Familie. Und die Haustür ist verriegelt. So bleibt mir nur die Möglichkeit, »zusammenzupetzen« und warten, bis der erste der Familie aufsteht. In der Helligkeit erkenne ich das Haus nun erst richtig: Typisch tibetisch! Sehr dunkle Räume, da die Fenster sehr klein und nicht gerade »Ajax-sauber« sind. Aber eine sehr stilvolle Einrichtung: Viele kleine Erinnerungsstückchen, Tsampa (DAS tibetische Nationalessen; ein aus Hochlandgerste gewonnenes Mehl) in vielen Säcken, Wandmalereien, sehr niedrige Türen und kleine Treppenstufen. Wir bekommen noch ein Frühstück (Reis mit Gemüse). Insgesamt war die Atmosphäre hier so herzlich wie im Iran oder in der Türkei. Der Unterschied besteht nur darin, dass wir dort nie etwas hätten zahlen müssen, was hier in Tibet aber der Fall ist. Die Straße bleibt weitgehend katastrophal. Viele Passagen zum Schieben, zumal mein Hinterrad ja stark lädiert ist. Ja, das hat nicht mehr viel mit dem zu tun, was mir am Rad fahren Freude bereitet. Oft stört das Rad sogar und ich wünsche mir, nur mit Rucksack da zu sein. Martin und Fernando radeln größere Abschnitte als ich, so dass sie mir auch häufiger etwas voraus sind. V. a. Fernando ist nun sowieso alles zu langsam. Seit er den Chomolungma zum ersten Mal gesehen hat, ist er wie elektrisiert. So herrscht in unserer Gruppe auch leicht angespannte Atmosphäre. Am Nachmittag treffen wir zwei Polinnen, die gestern auf ihrer Wanderung Wout gesehen haben. Er ist also immer noch einen Tag voraus. Sie selbst sind nun nach ihrem Studienende zu einer halbjährigen Asienreise gestartet. Später wieder das Gleiche: Fernando und Martin voraus, ich hinterher. Zudem beginnt mein Durchfall wieder extrem zu werden. Ja, diese Tibetreise ist für mich wahrlich kein Zuckerschlecken. Mich überholen einige Landcruiser. Die Insassen bestaunen selbst mich schiebenden Radelfahrer. Manche stoppen sogar und fragen mich, ob sie ein Foto von mir machen dürfen. Aus einem Auto grölen sogar ein paar meinen Namen heraus und unterhalten sich mit mir. Ich erinnere mich, dass ich sie irgendwo gesehen habe, aber wer das jetzt genau ist, weiß ich nicht. Gut, dass sie DAS nicht wissen. Am Abend sehe ich wieder den Chomolungma, der Schlussanstieg zum Base-Camp beginnt. Als es bereits dämmert, treffe ich wieder Fernando und Martin, die gerade damit beschäftigt sind, ihre Zelte aufzubauen. Dank Martins Kocher gibt es ein warmes Abendessen (natürlich wieder zwei Packungen Instant-Nudeln). Die Atmosphäre ist weiterhin gespannt. Fernando stört irgendwas, er sagt aber nicht, was. Da es empfindlich kalt wird, verkriecht sich jeder bald in sein Zelt.