27. Juli

Durch meinen angeschlagenen Zustand muss ich mich entscheiden: Sicherheit und zurück gehen ODER die Herausforderung annehmen und den Chomolungma ganz aus der Nähe zu sehen? Ich entscheide mich für Letzteres, bin mir aber das erste Mal auf meiner Tour nicht sicher, ob meine Entscheidung nicht zu riskant ist. Wir starten. Noch ist es kalt. In der Nacht waren es im Zelt 8° C und die Außentemperatur sank sogar unter den Gefrierpunkt. Zunächst ist mir der Weg noch von meinem gestrigen »Ausflug« bekannt, dann aber gelangen wir auf einen mit vielen großen Steinen gepflasterten Gletscher. Bald erscheint uns dieser Pfad zu gefährlich: Gletschereinrisse, wacklige und immer wieder in die Tiefe stürzende Steine sowie extremes Auf und Ab. So weichen wir auf den in Martins Buch empfohlenen »östlichen Weg« in diesem breiten Tal aus. Tatsächlich geht es hier leichter und das Gehen macht mehr Spaß. Doch nach einer weiteren Stunde kommt der Schock: Unvermittelt stehen wir vor einem riesigen »Gletscherloch«, dass wir nirgendwo ohne größte Gefahr umgehen können, da es »außenrum« extrem steil ist. Hier können wir nicht weiter, wir müssen zurück. Wieder setzt Schneefall ein, so dass wir auch heute bereits am frühen Nachmittag unser Zelt aufbauen und den »Arbeitstag« beenden. Letztlich sind wir nun etwa 100 m höher als gestern (ca. 5550 m). Frust kommt auf und auch wieder die Frage, ob wir weiter sollen ODER doch besser zurück??? Ich warte nur darauf, dass Martin sagt: »Lass uns zurück gehen«, aber ganz im Gegenteil ist er nun davon überzeugt, dass wir weder die »östliche«, noch die »mittlere«, sondern die »westliche« Route zu nehmen haben. Also lautet unsere Entscheidung: Morgen erneuter, aber auch letzter Versuch. ALLES hier ist hart: Hast du z. B. Durst, musst du erst eine Quelle suchen, hast du endlich eine gefunden, musst du das Wasser aufwendig und für dich anstrengend filtrieren. ZUM ERSTEN MAL IN MEINEM LEBEN SEHNE ICH MICH NACH ZIVILISATION!: Nach einem Wasserhahn, aus dem Trinkwasser rauskommt, nach einem Kühlschrank oder Supermarkt, bei denen ich die Auswahl zwischen den verschiedensten Speisen und Getränken habe, nach einem normalen »westlichen« Frühstück (mit Brot und Marmelade!!!), nach einem Big Mac und einer Pizza, nach einem sauberen Sitzklo, nach den Welt- und Sportnews (z. B. von der Tour de France), nach »guter« Musik, nach Ausgehen am Abend, nach einem Arzt, der meine Krankheit diagnostizieren könnte, nach meinen Freunden und Bekannten und ganz besonders nach meinen Eltern und meiner Schwester. Wie viel haben sie für mich getan und ich weiß, dass sie zu Hause sehnsüchtig auf eine Nachricht von mir warten (aber Tel. und E-Mail sind weit weg!). Und was mache ich? Ich liege hier im Zelt, warte, dass der Tag endlich rumgeht, dass wir dieses beschissene Camp III hoffentlich bald erreichen und so schnell als möglich nach Kathmandu gelangen. Ich denke fast nur an die Freunde und die Eltern, hören tue ich immer nur wieder Steinlawinen. Wir müssten vor diesen sicher sein. Und gesehen haben wir seit heute morgen, dem Verlassen des Camp I, niemanden mehr, die Anderen sind dort für einen Ruhetag zurückgeblieben.