28. Juli

Die Nacht war noch kälter. Im Zelt waren es noch ganze 4° C und das Außenzelt ist von einer dickem Reifschicht überzogen. Dennoch habe ich besser geschlafen und endlich bin ich auch mal wieder – aus heiterem Himmel – richtig ausgeglichen. Ich weiß nicht warum, vielleicht weil ich hoffe, dass wir heute absteigen? Wir gehen an die Stelle, an der wir glaubten, vielleicht auf die »westliche« Route wechseln zu können. Möglicherweise ginge das auch, aber kurz danach warten wieder zwei unüberwindbar scheinende riesige Gletscherspalten. WIR BESCHLIESSEN, DEFINITIV UMZUKEHREN, da wir keine sichere Gelegenheit sehen, weiter aufsteigen zu können. Nach einer guten halben Stunde Runtergehens (ich bin happy, Martin niedergeschlagen) sehen wir von weitem einen sich mit viel Gepäck hoch quälenden Mann. Das sieht ganz nach Wout aus und tatsächlich: Er ist es! Er ist der einzige aus Camp I, der noch weiter aufsteigt; die englische sowie auch die kanadisch-französische Expedition haben aufgegeben und befinden sich bereits auf dem Rückweg zum Base-Camp. Wout hört sich unsere Geschichten vom Misslingen unseres Weges zu Camp II an, bleibt aber dennoch voller Optimismus. Wir müssten nur die »mittlere« Route aufsteigen, das sei auf seiner aktuellen und detaillierten Karte klar ersichtlich. Dass eine Karte hier aktuell ist, ist sehr wichtig, denn die Gletscher bewegen sich ständig und so werden immer wieder andere Routen notwendig. Das war auch das Problem mit Martins Karte, denn die war bereits vier Jahre alt. Wouts »Siegessicherheit« steckt mich an, nun komme ich noch mal ins Schwanken, ob wir es vielleicht nicht doch noch einmal probieren sollten. Schon wieder hören wir menschliche Stimmen uns nähern. WER ist das? Es sind sechs Yaks (DAS Symbol Tibets aus der Tierwelt; vergleichbar mit dem spanischen Stier) und deren zwei Treiber, die das Gepäck der chinesischen Expedition von Camp II abholen sollen. Mensch, das ist unsere Gelegenheit! Unser Gepäck können wir auf den Yaks aufladen und die Treiber müssten auch den genauen Weg zu Camp II wissen. Wir verhandeln den Preis, können ihn immerhin von 500 auf 150 Yuan (umgerechnet ca. 30 DM) drücken, was für die Yaktreiber immer noch viel Geld ist, zumal es zusätzliche Einnahmen sind. Und siehe da wir gehen die »westliche« Route. Da ist tatsächlich ein recht gut zu gehender Trail, auch wenn ein Yak um ein Haar vor unseren Augen abgestürzt wäre. Die älteren Yaktreiber sind noch ganz schön fit und legen ein flottes Tempo vor, dem wir zu folgen haben. Aber ich genieße es, befreit von dem verdammten Gepäck, die immer interessanter werdenden Naturschönheiten in diesen Höhenlagen bewundern zu dürfen. Wir wandern schließlich auf einem Gletscherhauptkamm, zu dessen beiden Seiten immer imposantere Gletscherformationen aufragen. Und im Hintergrund rücken die von der Sonne angestrahlten größten Bergriesen unserer Erde immer näher. Am späten Nachmittag erreichen wir tatsächlich – nach unserer Entscheidung um die Mittagszeit völlig unerwartet – doch noch Camp II. Fernando kommt auch gerade, aber von »oben«. Er ist noch total überwältigt von seiner soeben hinter sich gebrachten Bergtour. Ich finde es lustig, dass wir vier europäischen Tibetradler ALLE zu Camp II gelangt sind, die richtigen Trekker-Expeditionen, die über uns gelacht haben, aber umkehren mussten. Außer uns ist nur noch die von der Universität in Peking äußerst aufwendig geplante chinesische Expedition hier.

Fernando ist in ihrem großen Zelt untergekommen und lässt es sich gut gehen. Wir bekommen immerhin auch heißes Wasser, aber die verlockenden Süßigkeiten (u. a. »Snickers«, »Kitkat«, »Powerbar«) bleiben uns ebenso wie der Einzug ins große Zelt verwehrt. Eine fünfköpfige chinesische Gruppe wird zurückerwartet, aber sie trifft nicht ein. Angst geht im Lager um, zumal sie auch nicht mit dem Walky-Talky zu erreichen sind.