29. Juli

Die ganze Nacht hören wir ständig Stein- und Schneelawinen runter gehen. Wir schlafen auf einer ca. 5 cm dicken Stein- und Geröllschicht, unter der sich der riesige Gletscher befindet. Wir hoffen, dass der Gletscher sich nicht zu bewegen anfängt. Das Frühstück können wir wieder im chinesischen Zelt einnehmen. Heute gibt es was Besonderes. Keine Instant-Nudeln, sondern eine von Martin seit zwei Monaten mitgeschleifte »Fertigfutterspezialität«, irgendwelche trockene Kartoffel- und Gemüsestückchen, die aber wirklich einen angenehmen Geschmack haben. Natürlich sind unsere Ansprüche auch auf ein Minimum zurückgegangen. Von den fünf Chinesen, die vermisst werden, ist immer noch nichts zu sehen oder zu hören. Ihr in Camp II zurückgebliebener Kumpel ist schon so fertig, dass er nichts mehr essen kann und auch nur noch vor sich hin auf den Boden starrt. Fernando redet mit mir immer noch nur das Nötigste. Mich macht v. a. traurig, dass er mir nicht sagt, warum. Kurz vor der Mittagszeit starten Martin und ich dann Richtung Camp III. Da wir noch müde von gestern sind, gehen wir ganz langsam. Dann kommt mein Durchfall wieder, ich mache ohne Vorankündigung in die Hose. Es ist zum Verzweifeln! Immer wenn ich gerade denke, jetzt wird es ein bisschen besser, kommt Giardia umso stärker zurück. Und ich kann nichts dagegen machen, bin dem »Schitt« wehrlos ausgesetzt. Das frustriert mich, lässt mich manchmal fast verzweifeln und macht mich ab und zu sogar aggressiv. Der Hang hängt nach links ab. So ist es kein Wunder, dass ich mit meinen 25-DM-Skater-Schuhen vom Aldi, die seit eineinhalb Jahren meine »Haus- und Hofschuhe« sind und mit denen ich häufig sogar auf nassen Asphaltstraßen ins Schlittern gerate, öfters wegrutsche. Ob sich schon mal ein Mensch mit solchen Schuhen in Hochgebirgsregionen von über 6000 m fortbewegt hat? Aber nach zwei Stunden erreichen wir Camp III (6340 m). Hier steht ein älteres chinesisches, blaues Zelt. Da gerade ein Schneeschauer begonnen hat, verkriechen wir uns in eben demselben für knapp eine Stunde. Eigentlich war Camp III unser Ziel, da es immer hieß, dass bis hierhin die höchste Trekkingstrecke der Welt führen würde. Aber wir sehen, dass der Weg hier noch nicht zu Ende ist, dass er zwar immer schmaler, aber eben noch nicht von dem von beiden Seiten umgebenen Gletscher verschluckt wird. Also lautet unsere Devise: WEITER- /HöHERGEHEN!. Vom Gipfel des Chomolungma sind wir noch ca. 7 km entfernt, leider ist erheute meist von Wolken verdeckt. Doch etwas später reißt tatsächlich die Wolkendecke auf und Martin macht ein Foto von mir im Vorder- und DEM Berg im Hintergrund. Doch es ist ausgerechnet das letzte Foto auf dem Film, so dass ich nicht weiß, ob es entwickelt werden kann. Und sehr kurz darauf zieht es wieder zu und beginnt sogar wieder zu schneien. Wir passieren die Wetterstation des Everest und kurz darauf das riesige Camp IV (6460 m). Aber auch hier sind außer einer Menge an Müll keine menschlichen Spuren anzutreffen. Immer noch ist es möglich, weiter zu gehen. So packt mich der »Höhenteufel«. Martin hat für heute genug, ich aber meine, das Ende des Weges – nicht allzu weit entfernt – erkennen zu können. So frage ich Martin, ob ich noch für ca. eine viertel Stunde weiter kann. Auf einmal renne ich. Ich weiß nicht, wo ich die Kraft aus meinem seit Wochen angeschlagenen und geschundenen Körper hernehme. Mich reizt v. a. das Ziel, wirklich den höchsten Punkt aller Trekkingstrecken unserer Erde zu erreichen. Die vielen Steinlawinen nehme ich sorgfältig wahr, aber sie jagen mir keine Angst ein. Ich bin total allein, weit und breit kein Mensch. Aber in dem Schneegestöber macht das mir sogar richtig Spaß. Mir ist aber auch klar, dass Martin vielleicht noch auf mich wartet und dass ich sowieso schleunigst zurück muss, wenn ich/wir nicht von der Dunkelheit überrascht werden wollen, bevor wir Camp II wieder erreichen. So nehme ich mir dreimal vor, hinter dem je nächsten Hügel umzudrehen, ob es nun das Ende der Trekkingroute ist oder nicht. Beim dritten Mal(!) bin ich wirklich am Ende (gut 6600 m), ein erhabenes Gefühl! Nach »vorne« gibt es nur noch Gletscher und die Steilwände des höchsten Berges der Erde, dessen Gipfel nun noch ca. 5 km entfernt ist. Nun gibt es nur noch Eines: Schnell zurück! Der Schnee bleibt inzwischen auch auf den meisten der am Vormittag noch von der Sonne erhitzten Steinen liegen. Es ist glatt und nicht ungefährlich! Ich weiß, dass ich mit einem Fehltritt aus diesem tollen Gefühl die dümmste Aktion meines Lebens machen kann. Gut eine Stunde, nachdem ich ihn verlassen hatte, treffe ich Martin wieder, der also tatsächlich gewartet hat. Er hatte sich Sorgen gemacht und oft nach mir gerufen. Sorry Martin, manchmal geht halt noch der Gaul mit mir durch. Die Bäche sind nun angeschwollen, in einem bleibe ich mit der Wade hängen, es ist verdammt kalt. Aber es geht schnell weiter. Aufpassen ist das oberste Gebot. Wir rutschen noch ein paar Mal aus, aber passieren tut nichts! Gott sei Dank! Noch knapp zwei Stunden vor Beginn der Nacht kommen wir zurück in Camp II. Dennoch haben sich Fernando und Wout, die heute im Zelt geruht hatten, Sorgen um uns gemacht und haben auch außerhalb des Zeltes im Schnee auf uns gewartet. Fernando schimpft uns erst einmal zusammen, der unsere Tour für »zu gefährlich« hält. Dann teilt er mir auch mit, warum er so verärgert über mich war: Weil ich nicht ein zweites Mal Antibiotika- Pillen gegen den »Giardia-Bastard« geschluckt habe. Ein reinigendes Gewitter. Dann gibt es im chinesischen Zelt eine heiße Milch und anschließend sogar ein Abendessen. Ich fühle mich – im warmen Schlafsack – himmlisch, obwohl ich vom vielen Schnee ganz schön durchweicht bin. Während wir noch essen, sieht Fernando kurz vor Einbruch der Nacht zwei Männer sich von weitem dem Zelt nähern. Das müssen unsere chinesischen Freunde sein! Alles stürmt aus dem Zelt. Und tatsächlich kommen zwei chinesische Studenten, was aber mit den drei anderen los ist, erfahren wir nicht.