1. Bergzeitfahren Sustenpass

Martin, der heute schon um 3:30 Uhr in der Pfalz gestartet ist, nimmt uns bis zum Startort des Rennens in Innertkirchen in der Zentralschweiz (Kanton Bern) mit. Wir sind frueh da. Genug Zeit, um meinen abgefahrenen Hinterreifen austauschen zu lassen. Ebenso fuer ein zweites Fruehstueck und fuer einige Gespraeche – u.a. mit Artur, der bereits vor zwei Jahren an dem Bergrennen in Norwegen (www.frafjordtilfjell.com) , das ich auch gerne mal noch fahren wuerde, teilgenommen hat und mir davon vorschwaermt…

Martin und ich gehen warm fahren, die ersten km der Rennstrecke.

Das Rennen von Innertkirchen zum Sustenpass wird heute zum ersten Mal ausgetragen. 135 RadfahrerInnen haben sich angemeldet. Die Strecke führt über 28 km mit gut 1600 Höhenmeter. Die Strecke kann grob in zwei Abschnitte gegliedert werden: auf den ersten 14,5km wechseln sich steilere Abschnitte mit flachen Passagen immer wieder ab, die letzten 13,5km steigt es relativ gleichbleibend bei noch über 1000 m Höhendifferenz.

Das Wetter ist besser als es vor ein paar Tagen zu befuerchten war: freundlicher Sonne-Wolken-Mix, am Start immerhin 14 Grad und im Ziel um die 5 Grad. Dazu ein spürbarer Wind, der meist anschiebt. Damit sollte mein Ziel, unter 80 min. zu bleiben, zu schaffen sein.

Johannes startet als Erster von uns Dreien. Ich feuere ihn an, er beginnt zurückhaltend.

Eine gute Viertelstunde danach wird Martin auf die Reise geschickt, nur 30 sec. später auch ich. Nach 100 flachen Metern auf der Grimselstrasse 90-Grad-Kurve auf die Sustenpassstrasse. Es beginnt gleich ordentlich zu steigen. Auf der ersten längeren Geraden kann ich Martin schon erkennen. Ich komme ihm aber nur ganz langsam näher. Martin fährt einen ähnlichen Rythmus wie ich: in den Flachpassagen macht er Druck und versucht ein hohes Tempo zu fahren. So dauert es 17 min, bis ich Martin auffahre. Er versucht erst gar nicht mit mir mit zu fahren. Ich habe den Eindruck, dass er sein Tempo nun reduziert. Ich versuche ihn auf zu muntern, nicht nach zu lassen. Auch überhole ich immer wieder andere RadfahrerInnen. Ich naehere mich der Zwischenzeit in Gadmen. Habe den Eindruck, dass ich schnell unterwegs bin, was mich beflügelt. Plötzlich hängt ein Radfahrer an meinem Hinterrad! Tatsächlich, da hat mich jemand von hinten aufgefahren. Auf seiner Startnummer kann ich den Namen lesen: Friedrich Dähler, Startnummer 237 (er ist also 1,5 min. nach mir gestertet) – ich kenne ihn (noch) nicht. Aber wer mir hier in 27 min. 90 sec. abnimmt, der muss gut Rad fahren koennen! Er fragt mich, ob ich nicht der „Verrückte“ mit dem Höhenmeterweltrekord sei. Ich kontere damit, dass es darauf ankomme, was er unter „verrückt“ verstehe. Ich wünsche ihm eine gute und schnelle Fahrt. Und schon enteilt er mir. Das wird wohl der Tagessieger sein. Wer soll da noch schneller sein? So richtig kommt er dann erst einmal doch nicht von mir weg. Wir fahren dann sogar hier in diesem Hochtal, in dem im Winter Langlauf betrieben wird, ein Stück nebeneinander. Ich frage ihn, welche Zeit er fahren will. „Schnell!“ – über eine konkrete Zeit habe er sich noch keine Gedanken gemacht.

Bald beginnt der nun durchgehende Anstieg. Nun fährt mir Friedrich schnell und wohl endgültig von dannen. Ich wünsche ihm von Herzen eine gute Fahrt und glaube, dass er heute eine Zeit fahren wird, die über etliche Jahre als Bestzeit bestehen bleiben könnte. Ich tue mir etwas schwer. Vermutlich habe ich leicht überzogen im ersten Streckenabschnitt. Spüre bereits eindeutig, dass ich nicht mehr ganz frisch bin. Aber meine Zwischenzeiten sind schnell, schneller als ich es zu hoffen gewagt hätte. Dies liegt wohl auch am günstigen Wind. Aber ganz offenbar ist auch meine Form gut. Ich versuche mir nicht zu viele Gedanken zu machen, sondern schlicht mein Tempo einigermassen beizubehalten und die Frequenz nicht zu tief sinken zu lassen. Noch eine Weile erkenne ich Friedrich. Wenn alles so weiter läuft, wird er im Ziel eine um 4 – 5 min. schnellere Zeit haben. Ansonsten scheint mich niemand zu überholen. Aber die Schnellsten sind ja auch nach mir gestartet.

Es wird frisch. Ich bin nun froh um mein dickes Langarmtrikot. Die Sonne kommt kaum mehr durch. Nach und nach zieht Nebel auf. Das Restaurant „Steingletscher“ erreiche ich nach exakt einer Stunde Fahrzeit, fast drei min. schneller als ich es mir ausgerechnet hatte. Nun geht es bereits ins Finale, nur noch gut 5km. An den Straßenrändern sind nun immer häufiger noch kleine Schneefelder zu sehen, bald auch Schneewände. Da diese Schneereste tagsüber tauen, sind die Straßen nun häufiger nass, ebenso einige der hier oben recht zahlreichen Tunnel. Die Sicht im immer dichter werdenden Nebel wird immer schlechter. Vom wunderbaren Panorama ist gar Nichts mehr zu sehen. Schade. Meine Zehen in den Sandalen werden kalt. Von meiner Zeit her zu urteilen, nähere ich mich dem Ziel. Und tatsächlich: da taucht es auch schon auf. In 1:16:24 h komme ich zufrieden ins Ziel. Viele vor mir Gestartete sind schon im Ziel. Artur ist eine gute 1:22 h gefahren, Johannes 1:19 h, Martin erreicht nach 1:21 h das Ziel. Und Friedrich, der Überflieger? Er grüßt mich freundlich und gratuliert mir, was ich gerne erwidere. Er ist tatsächlich eine „tiefe“ 1:12 h gefahren, super stark! Er berichtet mir, dass er in drei Wochen den bestehenden Höhenmeterweltrekord im 24h-Berglaufen (17000 Höhenmeter!) im Glarner Land verbessern will. Dazu habe er noch einige Fragen an mich. Ihm ist nur sehr kalt, daher will er nun abfahren und mit mir bei der Siegerehrung wieder sprechen.

Auch mir ist kalt. Trinke warme Getränke, ziehe alles an, was ich dabei habe – und begebe mich dann mit Johannes und Martin auf die Abfahrt bis Innertkirchen. In innertkirchen sieht Johannes auf seinem Smartphones, dass wir Drei die Klasse der Ü 40 gewonnen haben und im Gesamteinlauf die Plätze 2, 5 und 10 belegt haben. So begeben wir uns zur Sigerehrung, die allerdings in Gadmen (auf „halber Strecke“) stattfindet, also fahren wir wieder bergauf, dazwischen auch noch den ersten Teil zur Engstlenalp (wunderbare kleine Strasse mit ganz wenig Verkehr) im Gental.

Wir kommen etwas zu spät zur Siegerehrung. Machen uns daher bald auf den Heimweg, ganz zufrieden.

Mehr Infos und alle Ergebnisse auf www.highwaytosky.com

Nächstes Wochenende steht dann schon mein erstes sportliches Highlight an, das Bergrennen hinauf zum Mont Ventoux.

Herzliche Grüße,

Christoph