2. Etappe

Liebe RadsportfreundInnen,

hier mein Bericht von Tag 2 Giro delle Dolomiti 2015:

Wache in der Nacht mit Schnakenstichen auf. Kann lange nicht wieder einschlafen.

Dann doch noch einmal im Tiefschlaf, bis ich von einem Wadenkrampf endgültig aus allen Träumen gerissen werde. Drei von uns Vier haben nicht gut geschlafen…

Am Morgen ist es stark bewölkt. Als wir von unserer Fewo Richtung Start losfahren, regnet es sogar leicht. Am Messegelände liegen viele Zeitungen der heutigen Ausgabe von „Alto Adige“ aus. Mir bleibt keine Zeit mehr, sie zu lesen. Nur der Überschrift kann ich noch entnehmen, dass vom deutschen Theologen in Birkenstocks die Rede ist, der imponiert habe. Mein Teamkollege Thomas Janz erzählt mir, dass in facebook jemand ausgerechnet habe, dass ich gestern eine bessere „Steigleistung“ (potentielle Höhenmeter pro Stunde) als Christopher Froome bei der Tour gehabt habe… Ich wundere mich ein wenig, dass mich nach der gestrigen Leistung noch niemand auf Doping angesprochen hat, zumal doch gerade in Radfahrerkreisen selbst jede gute Leistung gleich verdächtigt wird.

Als ich das auf den ersten Kilometern der heutigen Etappe in einem Gespräch mit einem Südtiroler Kollegen anspreche, berichtet mir dieser, dass im Hintergrund offenbar viel gemunkelt würde. Mein ganzes Auftreten aber widerspreche dieser These, so dass Einige doch ziemlich verwirrt wären… Schade eigentlich, dass jede gute Leistung heute gleich verdächtigt wird. Dass ich im letzten halben Jahr rund 260.000 Höhenmeter gefahren bin, interessiert da manche offenbar weniger. Viele scheinen sich auch an (vermeintlichen) Dopingskandalen zu berauschen – und wollen dann gar keine natürliche Erklärung.

Heute sind es über 50km „Anfahrt“ zum Bergrennen, dabei geht es über den Niger- und Karerpass, wobei wir rund 1500 Höhenmeter in recht moderatem Tempo zurück legen. Dabei bleibt Zeit für diverse Gespräche. Etliche Teilnehmende erinnern sich noch an meine erste Teilnahme 2011. So u.a. ein Norweger, der jedes Jahr mit einer Gruppe aus Kristiansand hierher kommt. Auch ein Australier aus Melbourne, der in diesem Jahr wieder 8 Wochen in Europa verbringt und anschließend einen neuen Job im Osten Russlands bei einem kirchlichen Arbeitgeber beginnen wird. Als Familientherapeut will er mit Alkohol- und sonstigen Drogenkranken arbeiten. Eine heimische Abwechslung bieten die beiden Pfälzer Radler aus der „Naumer-Familie“, die mich von der Kalmit kennen und die von ihrer Lebenseinstellung wohl auch ziemlich gut in unser Team gepasst hätten.

Nach einer langen Pause am Nigerpass (hier ist es ganz schön kühl; wir sind froh, als endlich die Sonne raus kommt) folgt bald die Abfahrt nach Pozza die Fassa. Einige drängeln nach vorne. Das deutet darauf hin, dass bald die heutige Rennstrecke beginnen wird. Diese ist nur 6,2km lang und mit 613 Höhenmeter gespickt. Das Schwierige daran ist, dass diese Höhenmeter sehr ungleich verteilt sind. Nach einem steilen Beginn im ersten Viertel folgt ein fast ganz flacher Kilometer. Danach geht es in etlichen Stufen bergauf: immer mal wieder sehr steil, dazwischen (fast) ganz flach. Diese Rythmuswechsel mag ich eigentlich nicht.

Nun beginnt das Rennen. Ich nehme es an geschätzt 70. Position auf. Tue mir anfangs etwas schwer mit dem Überholen. Bald aber geht es besser, überhole u.a. Thomas Janz und Markus Spieth. Johannes habe ich nicht gesehen, scheinbar ist er noch weiter hinten gestartet. Vorne erkenne ich, dass Stefan Unterthurner in Führung liegt. Stefan war mehrfacher italienischer Meister und hat auch schon die Berg-WM am Bondone gewonnen. Häufiger sind wir schon gemeinsam die Berge hoch gestürmt, mal mit dem besseren Ende für den Einen, mal für den Anderen. Am Ende des ersten Steilstücks hole ich die Verfolgergruppe ein und fahre an den Meisten schnell vorbei. Stefan U., der noch einen Fahrer am Hinterrad kleben hat, komme ich auch näher – nach gut 2km habe ich auch diese Beiden eingeholt. Mir sind sie zu langsam, überhole Beide.

Nur Stefan bleibt am Hinterrad. Das könnte ein hartes Duell werden. Nun sind wir in der Passage, die viele Steilstücke aufweist. In den flacheren Passagen schalte ich hoch und versuche auch Tempo zu machen, in den Steilstücken fällt es mir ganz schön schwer. Muss ziemlich stark atmen, meine Wadenmuskulatur ist schon leicht verspannt. Plötzlich merke ich, dass Stefans Schatten zurück fällt. Ich bin wieder solo. Recht schnell fahre ich einen ziemlich großen Vorsprung auf Stefan heraus. Nehme dann ein bisschen Tempo raus. Dennoch bleibt es sehr hart. Und ich weiß, dass der letzte Kilometer der mit Abstand schwierigste ist. Inzwischen brennt mir die Sonne auf mein Haupt. Ich muss mich leicht quaelen, Freude habe ich hier keine mehr. Den paar Zuschauenden, die mich anfeuern, kann ich auch kein Lächeln mehr schenken.

Nach hinten sehe ich, dass mein Vorsprung absolut ausreichend ist. Endlich kommt der Zielbogen. Meine Zielzeit beträgt exakt 23 min. – nicht ideal. Aber auch heute gewinne ich. Zweiter wird der heute deutlich verbesserte Eduard Rizzi mit einer knappen dreiviertel Minute Rückstand. Alle, die ins Ziel einfahren, sind von dieser Strecke gezeichnet. Johannes ging es heute auch nicht gut, er wurde nur 20. Thomas Janz 26., Markus Spieth 73. und Stefan Ischner 110. – Nico Königstein ist der einzige aus unserem Team, der sich heute deutlich gegenüber gestern verbessert hat. Es folgt eine wunderbare Pause in einer dramatischen Kulisse mitten in der Rosengartengruppe: um uns herum hohe, beeindruckende Dolomitenberge und wir mittendrin in einem kleinen Kessel. Hier würde auch mir eine Wander- und Klettertour Freude machen. Der Redakteur  von „Alto Adige“ berichtet mir vor unserem Interview, dass er auf der Webseite von www.gutesleben-fueralle.de war und ganz beeindruckt ist. Er selbst ist ein aktiver Unterstützer der „sharing-economy“. Morgen möchte er ein großes Interview mit mir machen.

Nach dem Mittagessen folgt die lange Rückfahrt über den San Lugano-Pass hinab ins heiße Etschtal. Beim Abendessen zurück in der Fewo sind wir alle etwas gezeichnet. Und können uns noch nicht richtiug vorstellen, wie es bei der morgigen Königsetappe gehen. Ich selbst hatte einen für mich ganz ungewöhnlichen Wunsch: über meinen Salat habe ich mir viele gesalzene Erdnüsse gestreut.

Alle Ergebnisse von heute und den Zwischenstand nach der 2. Etappe gibt es auf www.girodolomiti.com

Seid herzlich gegrüßt,

Christoph