4. Etappe

Lese morgens noch einige aufmunternde und wertschätzende mails, über die ich mich freue.

Um 6:45 Uhr starten wir Richtung Stifserjoch/Passo Stelvio. Nach einer gestrigen Abstimmung fahren wir in Markus `s Transporter (anstatt mit der Bahn). Aber immerhin gehen wir hier alle zu Viert samt unseren Rädern hinein. Im Vinschgau staune ich mal wieder über die unglaubliche Masse an Apfelbäumen. Das sieht schon sehr nach Monokulturen aus. Täglich bekommen wir beim Mittagessen des Giro Dolomiti einen noch rund 10 Monate nach der Ernte völlig frisch aussehenden Südtiroler Apfel von einem der Hauptsponsoren („Marlene“). Muss mir mal von Joachim Blaas (Radfahrer und Apfelfachmann) erklären lassen, was es alles braucht, um die Äpfel so lange frisch zu halten. Vermutlich nicht gerade klimafreundlich, oder? Ansonsten fallen mir wieder die vielen Kommunen auf, die sich in einem Klimabündnis zusammen geschlossen haben. Eigentlich hätten wir da in dieser Woche mal ein Treffen organisieren können/sollen, um uns über unsere jeweiligen Klimaaktivitäten austauschen zu können.

Ankunft in Prad. Noch einige km warm fahren. Alte Bekannte treffen, die bei dem ab heute parallel zu uns stattfindenden „Giro Dolomiti breve“ („nur“ die letzten drei Etappen) mitfahren. Die heutige Strecke ist mir recht gut bekannt: am Anfang flacher, zunehmend steiler, insgesamt auf 24,8km 1851 Hm – und 48 Kehren. Auf den letzten gut 6km noch 22 Kehren, die spektakulär in die Hochgebirgswelt eingepasst wurden. 2011 fuhr ich im Rahmen des Giro Dolomiti 1:20:26 h und 2013 beim eintägigen Bergrennen 1:17:28 h. Im Rahmen des Giro traue ich mir nun eine Zeit unter 1:20 h zu.

Um 9 Uhr Start. Erst noch gut 2km durch das Dorf, dann am Hotel Prad (907 m) „fliegender Start über den Zeitfahrmatten. Ich halte mich 3 min. hinter den beiden Führenden auf, dann wird mir das Tempo zu langsam und ich gehe nach vorne. Ich fahre flott, aber nicht richtig schnell. Nach 10 min. an der Spitze fordere ich die Nachfolgenden auf, auch mal die Führung zu übernehmen. Aber keiner der noch rund 30 Leute in der Kopfgruppe möchte Führungsarbeit verrichten. Selbst als ich dann mal zwei Tritte aussetze, lassen auch alle Anderen die Beine hängen. Das ärgert mich, finde ich nicht kooperativ. Also fahre ich an der Spitze weiter. In Gomagoi (1267 m) liege ich knapp hinter meinem Zeitplan. Mal ist es flacher, mal steiler – ich fahre mein Tempo, keiner überholt mich, aber Viele hängen an meinem Hinterrad. In Trafoi (1543 m) habe ich meinen Zeitplan wieder eingeholt. Wir sind noch ungefähr ein Dutzend. Kurz darauf drehe ich mich mal um – wir sind nur noch zu Dritt. Einer davon ist Stefan Kirchmair, der u.a. schon den Ötztaler gewonnen hat. Er fährt aber außer Konkurrenz mit, auch ohne Startnummer. Plötzlich geht doch jemand an mir vorbei: es ist aber nicht Kirchmair, sondern ein mir nicht bekannter Fahrer. Einer, bei dem ich aufgrund seiner hohen Startnummer erkenne, dass er hier „nur“ am Giro breve teilnimmt, also erst heute ins Renngeschehen eingreift. Er fährt flott, ich fahre an seinem Hinterrad mit. Muss mich aber anstrengen. Nach 1 km an dessen Hinterrad beschließe ich, ihn ziehen zu lassen. Denn ich bin mir nicht sicher, ob ich sein Tempo durchstehen und nicht eventuell doch einbrechen würde. Ein Einbruch hier am Stelvio wäre aber schlecht für die Gesamtwertung. So entscheide ich mich für die sichere Variante. Kirchmair ist inzwischen auch leicht zurück gefallen, von dem Rest kann ich auch in den Kehren Nichts mehr erkennen. Der Führende baut seinen Vorsrung aus, am Hotel zur weißen Knott hat er rund 15 sec. – ich liege noch in meinem Zeitplan für eine ´1:19er-Zeit.

So geht es Kehre um Kehre weiter. Am Hotel Franzenshöhe ist der Vorsprung des Führenden auf eine halbe min. angewachsen, Stefan Kirchmair ist wie alle anderen Verfolgenden nicht mehr zu erkennen. Ich fühle mich noch recht gut, werde den Vorsprung in der Gesamtwertung ausbauen. Kurzzeitig habe ich sogar den Eindruck, dass ich dem Führenden näher komme. Dieser schaut sich auch mehrfach um. Ist er „fertig“? Merke aber – wenn ich beschleunige – dass mir die letzten Renntage durchaus noch in den Knochen stecken. So fahre ich mein Rennen brav nach Hause und komme in 1:19:48 h 40 sec. nach dem Sieger ins Ziel – immerhin noch als Tagesbester aller Gesamtklassementsfahrenden.

Gratuliere dem Tagessieger (Thomas Gschnitzer aus Sterzing), der mir erzählt, dass er seinen Sieg noch gar nicht fassen kann, da er sich sicher war, dass er auf den letzten 5km noch eingeholt wird. Als Nächstes kommen die Zweit- und Drittplazierten in der Gesamtwertung ins Ziel, mein Vorsprung auf den ersten Verfolger beträgt nun beruhigende 6:40 min.

Johannes wird guter 14. (nun Zehnter in Gesamtwertung) in 1:25 h, Thomas mit neuer persönlicher Bestzeit (1:30 h) guter 24., Stephan (1:41 h) wird bei seinem bisher besten Rennen in dieser Woche erstmals Vierter in unserem Team, Markus (1:44 h) muss den ersten Renntagen etwas Tribut zollen und Nico hat die letzten 6km mit Wadenkrämpfen zu kämpfen, kann aber mit 1:55 h trotzdem noch deutlich unter der 2h-Schallmauer bleiben.

Im Ziel erhalte ich viele Glückwünsche. Die Italiener sprechen mich meistens (schon seit Tagen) mit „champione“ an. Interviews gebe ich heute RAI, Alto Adige und der Dolomitenzeitung. Die Themen drehen sich oft um meine Motivation, Theologe UND Radsportler zu sein und (leider) um die Sandalen (versuche ich zunehmend als „alten Hut“ abzuwiegeln). Ich bemühe mich immer wieder, die Anliegen unserer Kampagne www.gutesleben-fueralle.de einzubringen. Immerhin haben die meisten Reporter die Webseite sich inzwischen auch angeschaut und wissen schon recht gut, um was es in unserer Kampagne geht.

Etliche Teilnehmende und Zuschauende wollen Fotos/Selfies mit mir machen.

Spaeter kommt noch jemand von der Firma „Roeckl“ zu mir und fragt mich, ob ich bereit wäre, Handschuhe seiner Firma zu testen…

Alle Ergebnisse von heute und den Zwischenstand nach der 4. Etappe gibt es auf www.girodolomiti.com

Seid herzlich gegrüßt,

Christoph